Brunners Welt (Foto: SR)

"Nasenbohren"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 04.06.2021 16:40 Uhr

Nr. 835

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders schamhaft. Obwohl mir als Kind natürlich häufig deutlich gemacht wurde, wann und wofür ich mich zu schämen hatte. Zu Anfang eher so Sachen wie schmutzige Fingernägel oder Nasenbohren bei Tisch. Später dann Vergehen wie das Herausangeln von Münzen aus Mutters Spardose. Immer hieß es: Schäm dich!

Aber selbst wenn mir die Scham anfangs noch wirklich die Wangen rötete, ließ doch schon bald der Gedanke an das unrechtmäßig erworbene Gut oder den verbotenen Genuss das ungute Gefühl verblassen. Ganz im Sinne des schillernden Showstars Liberace, der seinen Kritikern sagte: "Wenn die Besprechungen schlecht sind, können Sie sich mir gerne anschließen, wenn ich weine – den ganzen Weg bis zu meiner Bank."

So mag es auch den Missetätern gehen, denen Jens Spahn nun aufgetragen hat, sich zu schämen. Denen nämlich, die mit Nasenbohren nicht nur das ihnen zustehende Geld verdienen, sondern auch noch unrechtmäßig in den öffentlichen Säckel greifen. Das tut man nicht! Nun gibt es wieder andere, die finden, der Gesundheitsminister selbst hätte Anlass zur Scham. Schließlich hat er die betrügerischen Testabrechnungen ja erst ermöglicht, indem er damals einfach vergessen hat, irgend eine Kontrolle für Anzahl oder Qualität der Tests in seine Verordnung einzubauen.

"In der Eile damals", sagt der Minister bedauernd. Und Hauptsache, die Inzidenzzahlen gingen runter. Ja, kein Wunder, die frei erfundenen Tests hätten ja auch gar nicht positiv sein dürfen, sonst wären sie ja überprüft worden. Also alles negativ an der privaten Testfront in Bochum und weiß der Himmel wo noch überall.

Für Kontrolle sei er übrigens auch nicht zuständig, sagt der Spahn, er könne das von Berlin gar nicht leisten, da müssten nun schon mal die Gesundheitsämter ran, oder die kassenärztliche Vereinigung. Die Gesundheitsämter aber sagen, dafür seien sie weder zuständig, noch hätten sie das Personal und die Software dafür. Das müsste schon die kassenärztliche Vereinigung … Die aber hat nun wirklich gar nichts damit zu tun, die zahlt bloß, was die Betreiber der Testzentren ihnen in Rechnung stellen. Und das sei ja nicht mal ihr Geld, das käme ja vom Ministerium. Da müsste schon Herr Spahn …

Die Linke lässt verlauten, es sei ja nun wirklich "billig, wenn der verantwortliche Minister Spahn den Schwarzen Peter an die lokalen Behörden abschieben will." Und billig war ja nun wirklich noch nie was im Corona-Goldrausch! Karl Lauterbach will jedenfalls nach vorne schauen, nicht zurück, wie seine SPD die Verordnung Spahns damals mit verabschiedet hat, und meint, die Testzentren müssten jetzt stichprobenartig überprüft werden. Das müsste dann aber gut organisiert sein. Wo ja nun wiederum der Hund begraben liegt bzw. der Spahn in seinem Büro sitzt.

Wie man hört, soll es nun eine Taskforce in dieser Sache geben. Wie's der Zufall will, hat die vorherige Taskforce des Dreamteams Spahn und Scheuer zum Aufbau der Testlogistik schon letzten Monat nach drei Sitzungen die Arbeit eingestellt. Kapazitäten hätten die beiden also wieder: May the Taskforce be with us! 

Meine Nachbarin Barscheck jedenfalls wundert spätestens seit den gewinnbringend beschafften Schutzmasken durch einige CDU-Abgeordnete in dieser Hinsicht nichts mehr. Selbst Armin Laschet hat ja über Kumpels seines Sohnes da mit gemischt! Obwohl der Kanzlerkandidat glaubwürdig versichert, er hätte nichts daran verdient. Das hat ihm imagemäßig aber auch nichts genutzt - jetzt hält ihn der Wirtschaftsflügel seiner Partei auch noch für doof. Sollten sich alle was schämen, sagt meine Nachbarin. Alle! Und testet sich vorsichtshalber selbst.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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