Brunners Welt (Foto: SR)

"Nomen est omen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 28.05.2021 15:20 Uhr

Nr. 834

Nicht dass Sie denken, ich hätte mir da was ganz Besonderes an Land gezogen. Aber in meinem Impfpass steht in der Rubrik für Coronaimpfungen als Impfstoff COMIRNATY. Nie gehört? Geht vielen so, ist aber der offizielle Handelsname des Biontech- Produkts. Und natürlich bedeutet er auch etwas: das Wort setzt sich zusammen aus den Bestandteilen "Covid-19", "mRNA", "Community" und "Immunity".

Der schmucklose weiße Aufkleber auf dem leuchtenden Gelb meines Impfpasses verkündet also, dass ich nunmehr Dank mRNA ein Mitglied einer Gemeinschaft bin, die gegen  COVID-19 immun sein soll. Und muss wohl korrekt "Comörnäty" ausgesprochen werden.Yeah! Trotzdem sagen alle nur "Biontech", wenn sie den Stoff meinen. Oder AstraZeneca für den anderen.

Der übrigens bis vor kurzem offiziell "ChAdOx1" hieß, was uns diskret darauf aufmerksam machen sollte, dass das Zeug aus einem Schnupfenvirus von Schimpansen erzeugt wurde. Das hat vermutlich auch nur eine Minderheit kapiert und schien der Herstellerfirma wohl auch nicht sonderlich imagefördernd. Apropos: nur eingefleischte Altphilologen denken bei AstraZeneca an Sterne und römische Philosophen. Hat nichts damit zu tun. Ihr Impfstoff heißt seit Ende März "Vaxzevria" und bedeutet … Irgendwas.

Kann uns wurscht sein? Ja.. also nicht so ganz. Natürlich haben Forscher in ihrem unaufhaltsamen Wissensdrang auch erforscht, wie sich die Namen von Medikamenten auf Patienten auswirken."Ribozoxtlitp" beispielsweise löst wegen Unaussprechlichkeit generell eher Misstrauen aus. Zu Unrecht, das Mittel hat keinerlei Nebenwirkungen. Weil es gar nicht existiert. Weiteren Fantasieprodukten der Forscher wie "Calotropisin" oder "Fastinorbin" vertrauten die Probanden dagegen gerne. Und nahmen auch gerne größere Dosen davon zu sich. Ganz gut also, wenn gefährliche oder nebenwirkungsreiche Medikamente komplizierte Namen haben.

Das hat die Firma Bayer nicht gewusst, als sie Ende des 19. Jahrhunderts ein wirksames Hustenmittel suchte und fand. Der Einfachheit halber probierte man es an der eigenen Belegschaft aus und war begeistert. Niemand hustete mehr, die Stimmung war großartig bis euphorisch, die Arbeiter stürzten sich heldenhaft auf ihre Tätigkeit. Das war Anlass für die Namensgebung: Heroin hieß der Stoff fortan und wurde noch bis 1931 wacker produziert und verkauft. Hüstel.

1944 entdeckte ein Schweizer Pharmakologe einen Wirkstoff und probierte ihn an seiner Ehefrau Rita aus. Die wurde umgehend deutlich lebhafter, verbesserte ihre Vorhand beim Tennisspiel und gefiel ihrem Gatten von Stund an viel besser. Zur Feier nannte er das Mittelchen Ritalin, was seiner Firma sicher mehr Umsatz bescherte, als der chemische Name "Methylphenidat". Hätte aber möglicherweise die Karriere als Modedroge genervter Eltern und leistungsversessener Studenten und Führungskräfte verhindert?

Meine Nachbarin Barscheck wünscht sich eigentlich schon lange Medikamentennamen, die man auf Anhieb versteht. Sowas wie "Kopf klar" oder "Bauch wohl". Dagegen aber hat die Zulassungsbehörde ebenso etwas wie gegen "WegwieNix" oder "Antipups". Unerklärlich demnach, dass ein Medikament namens "Prostagutt" unangefochten auf dem Markt ist, und dass Antibabypillen immer noch "Chloee" und "Yasminelle" heißen dürfen, wie irgendwelche Prinzessinnen aus Disney-Filmen. Wie auch immer, von mir aus hätte in meinem Impfpass auch mRNA-1273 oder Wrdlbrmpft stehen dürfen. Hauptsache endlich geimpft!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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