Brunners Welt (Foto: SR)

"Marktkonforme Humanität"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 21.05.2021 16:40 Uhr

Nicht dass Sie denken, ich kennte nicht die motivierende Kraft finanzieller Anreize. Um wie viel begeisterter schwang ich als Kind den Lappen mit dem Chromputzmittel, wenn das Blitzen der silbernen Leisten auf Papas Kraftfahrzeug auch vom Klingeln einer Münze in der eigenen Spardose gefolgt wurde. Auch die blanke Mark für eine gute Note in der Mathearbeit hat wahrscheinlich mehr zum Bildungserfolg des Sprösslings beigetragen, als noch so detaillierte Vorträge über die glanzvolle berufliche Karriere, die ausschließlich für fleißige Koryphäen der Rechenkunst reserviert war.

Money makes the world go round - und das von Kindesbeinen an. Ich habe, angesichts fehlender Möglichkeiten zur praktischen Überprüfung, allerdings keine Ahnung, ob mich Mark oder  Groschen auch noch vom Spiel weg- und zur ernsthaften Betätigung hingebracht hätte, hätte mein Sparschwein ohnehin schon an ernsthafter Verfettung gelitten. Offenbar aber nimmt im wahren, erwachsenen Leben die Gier nicht mit der Größe des Besitzes ab.

Wie uns große und kleine Pharmabetriebe von den Sprechern ihrer Lobbyverbände mitteilen lassen, wäre es ein großer, nicht wieder gutzumachender Fehler, jetzt die Patente auf Covid-19-Impfstoffe auszusetzen, um ärmeren Ländern den Zugang dazu zu ermöglichen. Das nämlich würde ja den Gewinn dieser Betriebe schmälern, was wiederum ihre Bereitschaft zur Entwicklung neuer Medikamente in der nächsten Gesundheitskrise deutlich ausbremsen würde. Das will ja nun wirklich keiner! Nicht einmal Papst Franziskus, der die Idee der Patentaussetzung begrüßt und angesichts der weltweiten Not Impfstoff-Rezepturen gar als Gemeineigentum der Menschheit sehen möchte.

Gott sei Dank hat der Papst auch noch Leute wie den katholischen Sozialwissenschaftler Elmar Naß in seiner Hochschule in Köln. Der mahnt nämlich , das sei „nicht nur ein Verrat am Leistungsprinzip, sondern auch eine Sünde an der Humanität.“ Weil nicht dem christlichen Menschenbild entsprechend, das laut Thomas von Aquin nämlich den „auch egoistisch veranlagten Menschen“ voraussetzt „statt den selbstlosen Kollektiv Menschen.“ Gut, dass Herr Naß mir das erklärt hat, ich hatte das mit dem Christentum irgendwie anders in Erinnerung. Ich wusste auch nicht, dass schon 1931 eine Enzyklika die soziale Marktwirtschaft zur katholischen Tradition erklärt hat. Jahre vor Ludwig Erhard.

Ebenso wie ich natürlich die Weigerung der Pharma-Unternehmen in puncto Patente-Nachlass zunächst für nichts als unverhohlene und im Wortsinne über Leichen gehende Profitgier hielt. Und das Gezeter über das ihnen dann entgehende Geld angesichts bereits verdienter Millionen und Milliarden für unanständig und unverschämt. Tut mir echt leid. Ein solches Pharma-Bashing widerspricht nämlich dem „irenischen Geist Sozialer Marktwirtschaft“. Sie sagen es, Herr Naß.

Das leise Rauschen im Hintergrund ist übrigens der Beifall der Pharmaindustrie. Während das würgende Geräusch von meiner Nachbarin Barscheck stammt, die einer Branche, die bislang keinerlei Hemmung bei der Gewinnmaximierung zeigte, gerade in einer weltweiten Pandemie keine Ausflüchte mehr durchgehen lassen will. Sie hat nicht vergessen, dass da zum Beispiel schon mal ein Leukämie-Medikament vom Markt genommen und wenig später zur Behandlung von MS wieder neu zugelassen wurde. Zum 44-fachen Preis.

100 Hilfsorganisationen, Ärzte, die WHO und jetzt sogar der US Präsident sprechen sich für ein Aussetzen der Patente aus. Und was tut unsere Kanzlerin? Sie holt sich erstmal telefonisch Expertise – beim Biontech-Chef. Da ist guter Rat teuer.

Ein Thema u.a. in der Sendung "Der Nachmittag" vom 21.05.2021 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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