Brunners Welt (Foto: SR)

"Sodom und Gomorrha"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 14.05.2021 16:40 Uhr

Nr. 832

Nicht dass Sie denken, ich machte mir häufig Gedanken darüber, was die katholische Kirche – oder überhaupt eine Kirche – alles erlaubt oder verbietet. Als Nichtmitglied muss ich mich ja nicht an die Satzung halten.

Allerdings staune ich doch manchmal, was da so aus dem Vatikan verlautbart wird. Vor etwa einem Monat beispielsweise das Verbot, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Entschuldigung: Motorräder, Tiere, Urlaube, Autos und Rosenkränze sind die TOP 5 der kirchlichen Segensobjekte. Auch Flugzeuge, Häuser und Aufzüge kommen ständig in diesen Genuss. Nicht aber, geht es nach der Glaubenskongregation, homosexuelle Liebende. Und warum nicht? Gleichgeschlechtliche Liebe entspreche nicht dem "objektiven Willen" des Herrn. Muss ich doch noch mal kurz nachfragen: Woher wissen die das? Vom täglichen Briefing mit dem brennenden Dornbusch? Oder steht dergleichen gar in der Bibel? Nöö, jetzt so eigentlich nicht.

Gerne wird für die Verdammung queerer Liebe die Geschichte von Sodom und Gomorrha hergeholt. Ich weiß nicht, wann Sie diese Episode zum letzten Mal gelesen haben – ich jedenfalls musste beim jetzigen Wiederlesen doch weiter staunen. Gott, dem zu Ohren gekommen ist, dass sich in Sodom sündhaftes Tun ausgebreitet habe, beschließt, die lasterhafte Stadt vom Erdboden zu tilgen. Es sei denn, es fänden sich wenigstens zehn "Gerechte" unter der Bevölkerung. Seitdem wissen wir: Bei solchen Vernichtungsaktionen sind Kollateralschäden in gewisser Höhe o. k..

In Sodom sind die ausgesandten Engel dann zu Gast bei Lot und dessen Familie. Bald erscheint eine erregte Menge von Sodomitern, die die Herausgabe der Gäste zum Zwecke des Beischlafs verlangen. Lot bietet ihnen stattdessen seine zwei noch jungfräulichen Töchter an, was der tobende Mob jedoch ablehnt. Klar, nach irgendwelchen "Gerechten" wird nicht weiter gesucht, sondern die Stadt vernichtet. Lot und seine Töchter werden gerettet, Lots Frau endet als Salzsäule und die sowohl Mutter- als auch männerlosen Töchter setzen den Vater unter Alkohol und lassen sich von ihm schwängern. Reicht für mindestens zwei Skandinavien-Thriller.

Wie man aus diesem wüsten Konglomerat aus Rache, Gewalt und Inzest ausgerechnet eine Verdammung der Homosexualität herauslesen kann – dafür bin ich wohl doch zu kirchenfern. Immerhin halten auch über 200 deutsche Theologen das für abwegig. Und zahlreiche katholische Pfarrer das Segnungsverbot aus Rom für unchristlich. Es regt sich sogar echter Widerstand. Etwa 100 Segnungs-Gottesdienste "für Liebende" jedweder Orientierung fanden am vergangenen Wochenende statt. Aufruhr!

Gut, 100 solcher widerständischen Aktionen bei rund 24.000 katholischen Kirchen im Land, das sind gerade einmal 0,4 Prozent. Nicht gerade ein Flächenbrand, aber immerhin. Meine Nachbarin Barscheck geht davon aus, dass sich durch den Affront aus Rom sowieso weder die schwulen Paare nun massenhaft trennen, noch unter der Last des segenlosen Beisammenseins zusammenbrechen werden. Eigentlich, meint sie, wären solche Verlautbarungen also ziemlich wurscht.

Was sie allerdings ärgert, ist die Ermutigung aller homophober Herrscher von Orban über Erdogan bis Putin durch solchen Blödsinn. Und dass fast ein Viertel der deutschen Katholiken das Segnungsverbot für richtig halten. Barscheck kann sich wenigstens damit trösten, dass darunter Frauen deutlich in der Minderzahl sind. Wundert mich jetzt nicht. Frauen sitzen ja auch seltener am Stammtisch.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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