Brunners Welt (Foto: SR)

"Rauschen im Blätterwald"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 30.04.2021 16:40 Uhr

Nr. 830

Nicht dass Sie denken, ich machte mir mal wieder Sorgen um das Kulturgut unserer Nation. Anlass gäbe es schon: Unsere Kulturstaatsministerin hat eine Studie vorgelegt, aus der hervorgeht, dass die Zahl der Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt in den letzten Jahren um stolze 14 Prozent zurückgegangen sei. Es werden deutlich weniger Bücher gekauft, und die Leute lesen weniger. Aktuell etwa nur noch 17 Minuten pro Tag.

Nun weiß ich leider nicht, auf welche Personengruppe sich diese Zahlen beziehen. Ich weiß auch nicht, was in diesen 17 Minuten so gelesen wird. Die Angebotsblätter der örtlichen Supermärkte? Der neueste Ratgeber "Reich mit Kryptowährungen"? Oder doch ein aktueller Roman, der gerade die Feuilletons beschäftigt? Und was ist mit Bedienungsanleitungen? Wie auch immer, 17 Minuten sind nicht viel. Und es ist ja ein Durchschnitt: Allein die  Zeit, die meine Nachbarin Barscheck oder ich täglich mit Lesen verbringen, würde ja bedeuten, dass die übrigen Bewohner unserer Hausgemeinschaft allenfalls noch ein paar Werbebotschaften auf Plakatwänden zur Kenntnis nehmen können. Was ich durchaus für möglich halte.

Als Gründe für diesen Rückgang des Lesens nennt die Studie – wenig überraschend – die zunehmende Nutzung von Streaming-Diensten. Also das alte "Glotze-statt-Buch", das mir schon zu meinen Jugendzeiten als die Bedrohung der Kultur mahnend vor Augen gehalten wurde. Vielleicht ist es jetzt dank des überwältigenden Anstiegs der medialen Angebote tatsächlich so weit?

Aber wo eine Bedrohung, da auch Widerstand. Und der kommt nun ausgerechnet aus einer Richtung, die wohl die wenigsten als Speerspitze des Kampfes um Kulturerhalt auf dem Schirm hatten: Aus dem Saarbrücker Rathaus. In dieser Zeit des Verlagssterbens, des Auflagenrückgangs, der Krise der Printmedien und der rundherum verführerisch leuchtenden Displays unserer Tablets, Smartphones und E-Book-Reader möchte die Verwaltung der Landeshauptstadt eine Rathauszeitung herausbringen.

Nicht digital und online, nein, so richtig auf Papier, für das Bäume sterben mussten. 16 Seiten sollen es werden, alle 14 Tage, prall gefüllt mit dem Neuesten, Wichtigsten und Aufregendsten, was Dezernate, Stadtämter, Verwaltungsangestellte und natürlich der Oberbürgermeister selbst wieder für ihre BürgerInnen auf die Beine gestellt haben. "Aus der Zeit gefallen" sei das Projekt, so mäkelt die SPD-Opposition. Ja, sicher. Und das ist gut so! Widerständig nämlich gegen den elektronischen Zeitgeist.

Und man will ja auch gerade die Menschen erreichen, die nicht oder nur schwer Zugang zu den online-Medien finden. Wie viele das sind? Man weiß es wohl nicht und plant deshalb eine Auflage, mit der alle Bürgerinnen und Bürger erreicht werden können. Ob sie nun wollen oder nicht. Teuer? Nun ja, aber vielleicht lässt das großzügige Projekt aus dem Rathaus auch den alten Brauch beim Sonntagsfrühstück wieder aufleben,  hinter den Seiten einer Zeitung genüsslich sein Croissant zu mümmeln. Dahinter steckt immer ein kluger Kopf, und das wenigstens zeitweise Abtauchen des oder der Angetrauten hat auch schon mancher Ehe sehr gut getan. Freuen wir uns also darauf.

Meine Nachbarin Barscheck hofft nur, dass den PR-Könnern bei der städtischen Pressestelle noch ein anderer Titel für das neue Blatt einfällt. Das bisherige "Saarbrücker Rathauszeitung - Mitteilungsblatt der Landeshauptstadt Saarbrücken" sei doch ein bisschen lang für den "Bitte-nicht-einwerfen"-Aufkleber auf dem Briefkasten.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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