Brunners Welt (Foto: SR)

"Alea jacta est"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 23.04.2021 16:40 Uhr

Nr. 829

Nicht dass Sie denken, ich wollte hier gegen das Gendern zu Felde ziehen. Aber man muss zugeben – und Frau auch – dass es dabei durchaus mal kompliziert werden kann. Wir dürfen annehmen, dass Robert Habeck als langgedienter Grüner ein erfahrener Genderer ist. Trotzdem geriet auch er in die Fallstricke der korrekten Sprachgestaltung, als er die Kandidatur seiner Co-Vorsitzenden zur Kanzlerinnenschaft der Öffentlichkeit präsentieren musste: "Wir wollten es beide, aber am Ende kann es nur eine machen." Bei einem gemischt-geschlechtlichen "wir" gerät in so einem Satz zwangsläufig der oder die eine bzw. andere unter die Räder der Grammatik. Und bei diesem speziellen Anlass wäre ein generisches Maskulinum nicht nur politisch inkorrekt sondern auch dem Ergebnis völlig unangemessen gewesen. "Am Ende kann es nur einer machen: Annalena Baerbock" – das geht ja nun gar nicht.

Solche Gedanken – wenn überhaupt welche  – machte sich der CDU-Kanzlerkandidatenanwärter Laschet nicht, als er der frisch gekürten Annalena zur Wahl gratulierte und in Aussicht stellte: "Es wird ein fairer, frischer, vielleicht auch manchmal ein fröhlicher, jedenfalls ein ernster Wahlkampf werden". Fromm und frei hätte er auch noch erwähnen können. Grammatisch wenigstens war die Sache eindeutig – da ist der Wahlkampf eindeutig männlich.

Und auch sonst ist er das, zumindest zu zwei Dritteln. Es sei denn, Markus Söder hätte ein weiteres Mal seine sprichwörtliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt und sich auf den letzten Metern noch als Frau geoutet. Wenn's dem Wohl des Vaterlandes dient. Und es wäre auch nicht unglaubwürdiger gewesen als sein plötzlicher Wandel vom Grünen-Fresser zum Bienen-Streichler. Oder der Schwenk vom heimattreuen Landesvater, für den das Schönste an Berlin ja angeblich immer die Rückkehr nach Bayern war, zum landesflüchtigen Kanzlerkandidaten  aller Deutschen – samt Preußen. Wobei er es ja schon geschafft hat, eine mögliche Kandidatur immer ein bisschen wie ein Opfer ausschauen zu lassen: er sei bereit, wenn man ihn ruft, auch Verantwortung für das Land zu übernehmen. Immer mit diesem Bescheidenheit simulierenden kurzen Blick nach unten, aber nicht ohne den Anflug eines maliziösen Lächelns. Gekonnt ist halt gekonnt.

Und das soll jetzt alles vergebens gewesen sein, nur weil so ein Hinterzimmer-Club wie der CDU-Bundesvorstand sich nachts um halb eins doch noch für den Laschet ausspricht? Übermüdet und wider besseres Wissen! Wie hat der Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt gesagt: "Leider geht es jetzt nur um die harte Machtfrage: Mit wem haben wir die besten Chancen?" Ganz gewiss nicht mit diesem wandelnden Umfragetief aus Nordrhein-Westfalen. Aber bitteschön, wer nicht will, der will halt nicht. So oder so ähnlich mag es im Söder herumgerumpelt haben.

Dann wenigstens noch 24 Stunden gewartet mit einem Statement, und der vergifteten Rückzugserklärung, samt gerührtem Dank an die zahllosen UnterstützerInnen gerade auch bei den jungen und zukunftsweisenden Gruppierungen, besonders auch in der CDU. Wenn das "volle Unterstützung, ohne Groll" ist, man möchte den Söder lieber nicht grollen sehen.

Meine Nachbarin Barscheck straft das ganze Unions-Hick-Hack ohnehin nur mit Verachtung. Sie hält es für typisch, dass die Entscheidung für Annalena bei den Grünen so unaufgeregt und elegant über die Bühne gegangen ist. War halt eine Frau beteiligt. Aber dass der Habeck so eine gute Figur gemacht hat, als er seine Niederlage eingeräumt hat, das hat meine Nachbarin schon auch gefreut. Jenseits aller Gender-Solidarität.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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