Brunners Welt (Foto: SR)

"Wo geht’s lang?"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 16.04.2021 16:40 Uhr

Nr. 828

Nicht dass Sie denken, ich hätte anderes erwartet: Erst kürzlich fiel mir die alljährliche Untersuchung des Deutschen Skeptikerverbandes zu astrologischen, hellseherischen, prophetischen und sonst wie übersinnlichen Voraussagen der Weltenläufte in die Hände – und wieder einmal gab es wenig Zutreffendes aus der Spökenkiekerei.

Die meisten Vertreter*innen der Weissage-Gilde hatten nicht einmal den Mut, krachend zu scheitern. Rühmliche Ausnahme: Das kanadische Medium Nikki Pezaro, das sich weit aus dem Hellseherfenster gelehnt hat. 2020 sollte laut Nikki ein Riesenaffe à la King Kong auf einer einsamen Insel entdeckt werden, ein Roboter eine Bank überfallen und Pinguine in einer Stadt wehrlose Menschen terrorisieren. Nichts davon scheint eingetroffen zu sein. Es sei denn, der Riesenaffe wurde zwar entdeckt, hat aber seinen Entdecker verspeist, bevor der an die Öffentlichkeit gehen konnte. Der Bankräuber-Roboter war so perfekt humanoid, dass er gar nicht als Maschinenwesen auffiel, und über die terroristischen Pinguine will natürlich niemand sprechen. Ist ja auch irgendwie peinlich.

Die meisten Voraussagen aber bedienten sich des bekannten "Barnum-Effects", der benannt ist nach dem berühmten Zirkusdirektor und schlicht meint: "für jeden etwas dabei". So orakelte die "Astrowoche" beispielsweise: "Im Oktober sollten Sie gut aufpassen: Günstige Angebote könnten zu diesem Zeitpunkt eine Falle sein". Genau, wie von Januar bis Dezember auch. Treffer. Ebenso zielsicher die "Welt": "2020 werden einige himmlische Aspektierungen eintreten, unter denen es in der Vergangenheit häufig zu Erschütterungen kam." Sehr richtig, davor ist man ja nie sicher.

Aber von dem, was wir nun wirklich gerne rechtzeitig vorher gewusst hätten, also etwa Corona-Pandemie und Lockdown, findet sich kein hellseherisches Wort in den einschlägigen Verlautbarungen. Geschweige denn auch nur ein Satz über den Ausgang des Kandidatenkrieges in der Union. Wobei der auch nicht wirklich von irgendeiner Bedeutung ist. Außer vielleicht für die Kandidaten.

Freunde der Wissenschaft verwundern die missglückten Orakel nicht weiter. Warum sollten Millionen von Kilometern entfernte Himmelskörper oder noch wesentlich weiter entfernte Sterne und Galaxien ausgerechnet das Leben von uns Menschen bestimmen? Sternbilder, die nur von uns aus gesehen und mit viel Fantasie irgendwelche Figuren ergeben, dazu noch in jeder Kultur andere. Für solche Wirkungen ließen sich bislang jedenfalls keinerlei belastbare Hinweise finden. Im Gegenteil: Etliche Studien belegen eher das Gegenteil.

Besonders schön ein Experiment des WDR schon im Jahre 1997. 200 Teilnehmer erhielten da das gleiche Horoskop, das aber angeblich für sie persönlich aus ihren Geburtsdaten berechnet worden sei. Drei Viertel der Probanden fühlten sich darin gut erkannt. In Wirklichkeit handelte es sich um das Geburtshoroskop eines 24-fachen Massenmörders. Auch hier ist natürlich möglich, dass all diese jungen Menschen im Laufe ihres Lebens jeweils zwei Dutzend Mitmenschen meuchelten. Aber 4800 gewaltsame Todesfälle? Unbemerkt? Eher unwahrscheinlich.

Übrigens sagt die Statistik, dass weitaus mehr Frauen als Männer an Astrologie glauben. Meine Nachbarin Barscheck führt das auf längere Verweilzeiten beim Friseur zurück. Sie fand dort in der Zeitschrift "Freundin" die Voraussage: "Ihr Herz gewinnt man im Sturm oder gar nicht. Am liebsten werden Sie rasant erobert, es sei denn, es dauert Ihnen zu lange." Genau so ist es, sagt Frau Barscheck. Und ich hätte auch nichts anderes erwartet.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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