Brunners Welt (Foto: SR)

"Summertime"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 09.04.2021 15:40 Uhr

Nr. 827

Nicht dass Sie denken, ich hätte keine drängenderen Probleme. Klar: AstraZeneca oder Biontech? Selbsttest oder professioneller Schnelltest? Lockerung oder Lockdown und vor allem natürlich: Impftermin  – wo und wann? Das sind die großen Fragen. Sommer - oder Winterzeit ist dagegen doch eher marginal. Es sei denn, der angebotene Impftermin läge nach dem 31. Oktober.

Während ich also wie jedes Jahr die Bedienungsanleitung meines Elektroherdes nach der komplexen Tasten-Abfolge durchsuchte, mit der die Digitaluhr des Herdes auf die Sommerzeit umgestellt werden kann, fiel mir ein, dass die EU doch schon vor geraumer Zeit beschlossen hat, diese elende Zeitumstellerei wieder abzuschaffen. Genau: nach einer Umfrage im Sommer 2018 nämlich, bei der eine überwältigende Mehrheit für die Abschaffung plädiert hatte, gab es den Beschluss, "die EU-Kommission werde die Abschaffung der Zeitumstellung anstreben".

Und im März 2019 stimmten dann 410 EU-Abgeordnete für die Abschaffung, 192 dagegen. Zum letzten Mal, verkündete man, sollten die Zeiger im Jahr 2021 gedreht werden. Also jetzt. Im Oktober noch einmal zurück – und das war's dann? Ja… Also nein… Eher nicht, weil sich die EU-Mitglieder ja noch einig werden müssen, ob sie zukünftig den nun gerne andauernd Sommer- oder ständig Winterzeit haben möchten. Schwierig. Wozu braucht Großbritannien überhaupt eine Sommerzeit – da sollte man erst einmal über die Einführung eines Sommers nachdenken. Egal, die sind eh draußen.

Aber auch ohne sie ist das Durcheinander perfekt. Die Wünsche sind so unterschiedlich wie die Vorschläge zur Brechung der dritten Corona-Welle. Polen möchte die Sommerzeit behalten, damit nicht im Osten des Landes die Sonne im Sommer schon um 3:00 Uhr nachts aufgeht, während Spanien den Sonnenaufgang auch im Nordwesten winters nicht erst um 10:00 Uhr erleben will und deshalb nach dauernder Winterzeit schreit. Nachvollziehbar. Frankreich hat abgestimmt – für die Sommerzeit – aber die Regierung will trotzdem nicht. Die deutsche Politik will auf jeden Fall erst mal ausführlich mögliche Folgen prüfen.

Es ist halt kompliziert mit der Zeit. Nicht nur, dass sie seit Einstein relativ ist, unsere Uhren ticken schon lange nicht mehr gemäß der himmlischen Vorgänge. Spätestens seit Einführung der Zeitzonen ist eine Angabe wie "High Noon" als Verabredung zum finalen Kugelaustausch nicht mehr tauglich. Verdammt lang her, dass es Mittag war, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte.

Natürlich war das eine praktische Sache, zumindest in einer Zone die gleiche Zeit zu haben. Aber ebenso natürlich kam die Politik schon bald nicht mehr mit den 15 Grad großen Abschnitten aus: Da lappte doch schon mal das eigene Land ein wenig über, und ohnehin wurden Grenzen ja gerne mal durch Waffengewalt neu gezogen. So ist unsere mitteleuropäische Zeitzone bis zu 39,8 Grad breit. Da geht die Sonne durchaus mal im Dunkeln auf.

Sie sehen also, eher bekomme ich nächste Woche schon einen Impftermin für das Mittel meiner Wahl, als dass sich die EU noch zu meinen Lebzeiten einig wird. Es sei denn, man bildete jetzt zeitnah eine Taskforce, wie damals bei der Rechtschreibreform. Die bedeutendsten Köpfe, die unser Land hat. Nee, sagt meine Nachbarin Barscheck, die sind ja nun schon mit der Organisation der Corona-Tests beschäftigt. Richtig. Gut, spielen wir halt noch ein paar Jahre an den Zeigern herum.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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