Brunners Welt (Foto: SR)

"Stochern im Nebel"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 03.04.2021 08:40 Uhr

Nr. 826

Nicht dass Sie denken, ich hätte immer und überall den Durchblick. Ab und zu bleibt auch mir nichts anderes übrig, als im Nebel zu stochern, in der Hoffnung, der Stocher stieße dann doch einmal auf festen Grund. Was aber taten die geistlichen Würdenträger, deren Verfehlungen der verstorbene Kardinal Meisner in einem Aktenordner mit der Aufschrift "Brüder im Nebel" versammelte? Unwahrscheinlich, dass sie stocherten – zumal sie ja einen Großteil des Nebels selbst verursacht hatten, um in dessen Schutz unbehelligt ihr übergriffiges Tun fortsetzen zu können.

Aber auch der Kardinal hat den jüngst veröffentlichten Gutachten zufolge sich nicht sonderlich um das Lichten der trüben Suppe bemüht. Vielleicht hat er sich ja auf die vom Propheten Jesaja übermittelten Worte seines obersten Dienstherrn verlassen: "Ich vertilge deine Missetaten wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel." Die Opfer der kirchlichen Missbräuche wollten sich mit dieser vagen Zusage jedenfalls nicht zufrieden geben.

Vielleicht aber wollte der alte Meisner mit seiner poetischen Aktenbeschriftung auch nur kundtun, dass es sich bei den darin versammelten Brüdern um Verirrte gehandelt habe. Und diese so recht auch nichts dafür konnten: War ja Nebel …

Auch Meisners Nachfolger im Amt, Erzbischof Kardinal Woelki, hat immer noch mit der Vernebelung der Missbrauchsfälle zu schaffen. Gleich zwei Mannschaften schickte er zur Vertreibung des dichten Dunstes an den Start. Das Gutachten der Münchner Anwälte wollte er nicht so recht ans Licht dringen lassen. Jetzt, wo es denn doch bekannt geworden ist, verstehen wir auch warum: Da ist die Rede von durchaus systematischen Voraussetzungen für die Irrungen der Brüder, dem Zölibat und der insgesamt sexualfeindlichen Ideologie der katholischen Kirche. Zudem – soweit kommt's noch –  stand da auch noch der Vorschlag, mehr Frauen in kirchliche Ämter zu berufen, zur Ausdünnung männerbündelnder Dämpfe. Und das konnte ja nun schlechterdings ebenso wenig der "objektive Wille" Gottes sein, wie die Segnung gleichgeschlechtlicher Liebesleute.

Das eilends in Auftrag gegebene zweite Gutachten fiel dann Gott sei Dank milder aus. Zwar waren auch darin Verfehlungen der kirchlichen Zuständigen, namentlich auch Kardinal Meisners, bei der Klärung der Verbrechen aufgeführt, aber damit wusste Woelki umzugehen. Meisner war aus bekannten Gründen nicht mehr zur Rechenschaft zu ziehen, also mussten zwei Weihbischöfe dran glauben und wurden flugs ihrer Ämter enthoben.

Dass diese beiden ausgerechnet auf die Namen Schwaderlapp und Puff hören, stürzte meine Nachbarin Barscheck denn doch in eine ernsthafte Nichtglaubens-Krise. Sind derart sprechende Namen in diesem Kontext nicht ein deutlicher Hinweis, dass doch eine höhere Macht existiert? Kann so etwas wirklich nur Zufall sein? Es kann - und es ist. Schließlich gab es da ja auch noch den Berliner Bordellbesitzer Otto Schwanz, ebenso wie die urologische Klinik von Dr. Castringius und die Baumschule Bohnenstengel.

Wenn wir also nicht gerade annehmen wollen, dass der Herr sich die Zeit mit läppischen Wortspielchen vertreibt, ist das alles kein Grund, an seiner Nichtexistenz zu zweifeln. Ebenso wie andererseits durchaus Zweifel angebracht bleiben, ob da wirklich nachhaltig versucht wird, den Nebel um die verirrten Brüder fort zu pusten. Gerade seitens geistlicher Würdenträger, deren Arbeitsplatzbeschreibung ja geradezu in der Verbreitung und Interpretation nebulöser Botschaften besteht. Barscheck jedenfalls findet stetes Stochern durchaus geboten. Irgendwen, meint sie, wird's schon zu Recht treffen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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