Brunners Welt (Foto: SR)

"Geschmacksverstärker"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.02.2021 16:40 Uhr

Nr. 821

Nicht dass Sie denken, man könnte über Geschmäcker nicht streiten. Man kann. Was gerade meine Nachbarin Barscheck und ich regelmäßig mit langanhaltenden Debatten um Grünkernbratlinge oder Leberknödel unter Beweis stellen. Von wegen "De gustibus non est disputandum". Das kennt zwar jeder und es ist auch Latein, aber das macht es auch nicht wahrer. Zudem stammt die Weisheit nicht mal von einem hehren antiken Philosophen, sondern tauchte angeblich erst 1851 im Buch eines verfressenen deutschen Barons über "Die Freuden der Tafel" auf. Gemeint ist wahrscheinlich auch eher, dass in der Welt zwischen "bäh" und "hmm" nicht wirklich etwas Allgemeinverbindliches zu entscheiden ist. Geschmack ist, wenn man‘s trotzdem macht.

Erst seit relativ kurzer Zeit gibt es die Idee der Geschmacksverstärkung. Genauer gesagt seit im Jahre 1909 ein japanischer Chemiker beim Kauen von Seetangblättern bei sich einen neuen Geschmack entdeckte, den er "umami" nannte, und als dessen Träger er bald die Glutaminsäure dingfest machte. Noch im gleichen Jahr begann der geschäftstüchtige Mann mit der industriellen Produktion von Glutamat. Jenem weißen Pulver also, von dem heutzutage jedes Jahr weltweit mehr als zwei Millionen Tonnen in so ziemlich alles gerührt werden, was sich der gemeine Gierschlund hastig einpfeift. In Zwei-Punkt-Schriftgröße nachzulesen auf all den bunten Etiketten unserer Fertigprodukte. Und natürlich auf den Speisekarten der epidemisch über die Welt verbreiteten asiatischen Restaurants, Garküchen und Imbissbuden. Was nicht nur damit zu tun hat, dass der Name dieser Substanz kein "r" enthält...

Seit nun 1969 ein amerikanischer Arzt bei sich selbst nach dem Besuch solcher Lokalitäten regelmäßig Symptome wie Mundtrockenheit, Juckreiz im Hals, Herzklopfen, Kopfschmerzen, Gesichtsmuskelstarre und vieles mehr feststellte, das ganze Elend folgerichtig "China-Restaurant-Syndrom" nannte und das Glutamat dafür verantwortlich machte, gilt das leckere Pülverchen als Fressfeind Nummer eins bei achtsamen Nahrungsaposteln. Von ADHS bis Prostataleiden soll das Zeug an allerlei gesundheitlicher Unbill schuld sein.

Nun ist es aber so, dass Glutamat in einer Vielzahl von natürlichen Nahrungsmitteln enthalten ist, von Käse, Tomaten, Sardellen bis hin gar zur Muttermilch, in letzterer sogar in besonders hohem Maße. Der Körper braucht das Zeug. Und trotz heftiger Forschung gibt es keine belegbaren Zusammenhänge zwischen dem, na ja - Genuss von Glutamat und irgendwelchen gesundheitlichen Beschwerden. Nicht einmal bei Probanden, die nach Selbsteinschätzung unter besagtem "China-Restaurant-Syndrom" litten. Sprich: Wenn die Leute Glutamat aßen, ohne es zu wissen, passierte nix, aßen sie keines, dachten aber, sie äßen es: Kopfweh, Genickstarre und Mundtrockenheit. Der Weise schweigt und denkt sich sein Teil.

Und überhaupt: Wieso eigentlich "China-Restaurant-Syndrom"? Mit jedem durchschnittlichen Jäger-, Zigeuner- oder Rahmschnitzel pfeift sich der eilige XXL-Freund genausoviel von dem Salz des Bösen ein, wie beim Verzehr der "19 mit Hähnchenfleisch". Gastro-Rassismus!

Die eigentliche Frage ist doch: Wozu brauchen wir das Zeug? Geschmackvolles Essen braucht doch keine Verstärkung! Sagt meine Nachbarin ja auch immer. Ihr leckerer Tofuburger schmeckt doch schon von Natur aus gut. Von meinen Nierchen in Cognacsoße ganz zu schweigen.

Über Geschmack lässt sich zwar trefflich streiten, das letzte Urteil jedoch spricht: Das Fertiggericht.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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