Brunners Welt (Foto: SR)

"Erleuchtung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.02.2021 15:40 Uhr

Nr. 819

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Technik-Junkie. Einer, dessen Glück davon abhängt, stets unbedingt und sofort jeden elektronischen Schnickschnack haben zu müssen. Niemals würde ich mich von der Weckfunktion meines Smartphones morgens um fünf Uhr aus dem Schlaf reißen lassen, nur um rechtzeitig zum Verkaufsstart des neuesten Handy-Modells in der Warteschlange zu stehen. Ein paar Tage später krieg ich das Ding zu menschenwürdigen Tageszeiten – früh genug, um mich noch als Pionier fühlen zu können.

Was mit einer Treppenabschnittsgefährtin wie Frau Barscheck ohnehin schwer genug ist. Der Pionier braucht Lob und Bewunderung. Selbst einem Amundsen wäre die Entdecker-Euphorie vergangen, hätte ihn seine Nachbarin mit dem Satz begrüßt: "Südpol? Toll. Und wozu?".

Immerhin hält Barscheck isotonische Getränke und einen Müsliriegel zu meiner Erstversorgung bereit, wenn ich nach zweitägigem Kampf mit der Bedienungsanleitung des neuesten elektronischen Helferleins wieder mal unrasiert, ausgehungert und dehydriert aus meiner Wohnung wanke. Auf Anerkennung aber warte ich vergeblich.

Erst kürzlich habe ich mir beispielsweise endlich eine dieser neuen intelligenten Wohnzimmerbeleuchtungen zugelegt und Barscheck zur Premieren-Vorführung geladen. Gut, der Start war etwas missglückt, weil die smarten Glühbirnen keinerlei Reaktion auf meine wiederholten "Licht an!"-Rufe zeigten. Vermutlich erkannten sie die Stimme ihres Herrn nicht, weil ich von der vorangegangenen mehrstündigen Einrichtung der Spracherkennung doch etwas heiser war. An sich kein Problem, denn die wahren Fähigkeiten des modernen smart-light zeigen sich ohnehin erst bei Bedienung per App auf dem Smartphone.

Das zu finden war in der ägyptischen Finsternis des Wohnzimmers nicht ganz einfach. Zumal Barschecks haltloses Kichern, nachdem ich zweimal mit dem Schienbein gegen die Tischkante geknallt war und die bereitgestellte Flasche Rotwein umgestoßen hatte, nicht wirklich konzentrationsfördernd war. Eine gewisse Leidensfähigkeit braucht der Pionier eben. Aber nachdem ich das Ding schließlich in der Chipsschale ertastet, das Passwort schon im zweiten Anlauf korrekt eingegeben, die App gefunden und gestartet hatte, erstrahlten meine cleveren Birnen in schummrigen 3000 Grad Kelvin, vulgo: Warmweiß. Meine Nachbarin sagte: "Toll! Früher hätten Sie dafür auf den Lichtschalter drücken müssen!"

Ich erkenne Ironie, wenn ich sie höre. Ein weiteres Wischen über den touchscreen tauchte mein Wohnzimmer in ein tiefes Bordellrot, eine Einstellung, die in der Steuerungsapp den Titel "Arbeitslicht" trägt. Was ich Barscheck dummerweise vorher angekündigt hatte. Höchste Zeit also für den Höhepunkt der Darbietung: Der in eins der Leuchtmittel eingebaute Bluetooth-Lautsprecher. Warum als Demo-Musik ausgerechnet der Song "Immer wenn es dunkel wird" ertönte, ist mir unklar. Aber natürlich reagierten die intelligenten Birnen auf das Wort "dunkel" im Liedtext prompt. Meine Niederlage wäre komplett gewesen auch ohne Barschecks Bitte: "Legen Sie doch lieber eine andere Platte auf die Lampe, Brunner."

Im übrigen, meint meine Nachbarin, würde eine wahrhaft intelligente Glühbirne sich ohnehin weigern, Licht zu spenden. Das ginge schließlich auf Kosten ihrer Lebenszeit  – und das ohne nennenswerte Gegenleistung meinerseits. Der wahre Pionier ist eben immer einsam. Licht aus! ... Licht aus!!! .... aus!!!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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