Brunners Welt (Foto: SR)

"Und tschüs!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.01.2021 15:25 Uhr

Nr. 816

Nicht dass Sie denken, ich griffe in diesen Pandemie-Zeiten nach jedem Strohhalm der guten Laune. Aber: Hey – weg ist weg! Raus aus dem Weißen Haus, rein in den Helicopter, in die Air Force One, ab auf den Golfplatz. Und tschüs! Der 45. Präsident der USA ist Geschichte – und was haben wir gelacht! Über seine Orangenhaut, seine Großmäuligkeit. Und die Frisur!

Und seine Blödheit. Belgien ist eine Stadt, Paris liegt in Deutschland und Colorado an der mexikanischen Grenze! Super! Leider habe auch ich keine Ahnung wo genau denn nun dieses Colorado liegt, geschweige denn, dass ich die 50 Bundesstaaten der USA auch nur annähernd zusammenbrächte, aber hallo - ich bin ja auch nicht ihr Präsident. Und die Frisur! Ein bisschen wird uns das schon fehlen: Aufzuwachen und sicher sein zu können, dass uns die Zeitung wieder mal einen echten Trump liefert!

Das stabile Genie stolperte schließlich von einem Fettnapf in den anderen. Egal ob er nun beim Fototermin sich rüde in die erste Reihe drängelte, Angela Merkel vor laufenden Kameras den Handschlag verweigerte oder die Queen geschlagene 15 Minuten auf seine Ankunft warten ließ. Und nicht zuletzt: die Frisur! Ja, war schon lustig. Aber nun ist es ja vorbei. Allerdings haben diesen egomanischen Politclown um die 70 Millionen amerikanische Bürger*innen gewählt. Und haben sich von einem oft genug gescheiterten, hochverschuldeten, aber immer noch millionenschweren Immobilienunternehmer einreden lassen, dass ausgerechnet der die Stimme des einfachen Volkes sei. Und die Frisur!

Die 70 Millionen sind auch jetzt noch da. Und auch die Partei, die diesen notorischen Lügner vier lange Jahre ohne nennenswerte Einsprüche hat gewähren lassen, ist immer noch die gleiche. Ganze sechs Wochen hat sich der Republikaner-Chef Zeit gelassen, bis er bereit war, die Wahlniederlage anzuerkennen. Und stolze 40 Prozent der republikanischen Wähler sind immer noch überzeugt, ihr Idol hätte die Wahlen gewonnen. Mit einem "Erdrutsch-Sieg".

Das ist unterm Strich vielleicht der größte Triumph des Präsidenten Trump: Schlichte, faustdicke Lügen zu "alternativen Fakten" umzudeuten. Eine Wortschöpfung, die schon kurz nach seiner Inauguration seiner damaligen Pressesprecherin gelang. Anlässlich der glasklar per Fotobeweis widerlegten Behauptung, bei seiner Amtseinführung seien mehr Menschen gewesen als jemals zuvor. Worauf sich nicht etwa ein Gelächter im Lande der Freien und Mutigen erhob, sondern millionenfaches einverständliches Nicken. Alternativ klingt allemal besser als falsch.

Sorry, ich wollte Ihnen die Freude nicht verderben! Er ist weg! Also bis auf weiteres. Schließlich hat er in seiner Abschiedsrede ja angedroht: "Wir kommen wieder – in irgendeiner Form". An welche "Form" er dabei auch immer gedacht haben mag.

Und wenn wir gerade schon aufgehört haben mit dem Lachen, zählt meine Nachbarin Barscheck noch auf: Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen – logisch: Es gibt keinen Klimawandel, nur Wetter. Überhaupt alles abgeschafft, was ein bisschen nach Umweltschutz roch. Amerikanische Kohle ist saubere Kohle. Austritt aus der WHO – die haben schließlich das Virus erst so richtig in Fahrt gebracht. Kündigung des Iran-Abkommens. Unterstützung der Waffenlobby und der Abtreibungsgegner, Hetze gegen Einwanderer samt Einreiseverbote für etliche muslimische Staaten und nicht zuletzt seine Ehrenrettung für den Neonazi-Mob in Charlottesville und das Aufhetzen seiner Anhänger zum Marsch ans und ins Kapitol. Und natürlich sein berühmter "grab them by the pussy"-Satz. Das alles wird auch bleiben von diesem Präsidenten. Und die Frisur.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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