Brunners Welt (Foto: SR)

"Genial daneben"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.01.2021 16.20 Uhr

Nr. 814

Nicht dass Sie denken, ich suchte mal wieder eine Entschuldigung für – um meine Nachbarin Barscheck zu zitieren – eine meiner Fehlleistungen. Aber ich habe sie gefunden – ohne Suchen, rein zufällig beim Blättern durch die webseiten: Ich war ein Opfer des „Law-of-the instrument-Effektes“, auch „Maslows Hammer“ genannt! Der besagt, dass Menschen, die mit einem Werkzeug gut vertraut sind, dazu neigen, dieses auch dann zu benutzen, wenn ein anderes besser geeignet wäre.

Im Konkreten: Ich habe meinen seit Jahren erprobten Klebstoff zur Reparatur der von Barschecks Oma auf sie gekommenen Vase genutzt. Hält bombig. Leider verfärbt sich das Zeug unter Lichteinwirkung gelbbraun, so dass das erinnerungsschwangere Erbstück nun aussieht wie das Keramik gewordene Frankenstein-Monster. Aber ich konnte nichts dafür! Der Mensch ist solchen wahrnehmungs- und denkungsverzerrenden Effekten konstruktionsbedingt wehrlos ausgeliefert. Und davon gibt es eine Menge.

Mit Sicherheit unterliegt Barscheck was die Vase angeht zum Beispiel dem „Endowment-Effekt“, der bewirkt, dass man – und frau auch -  ein Gut als wertvoller einschätzt, wenn es einem gehört. Kennen wir alle: Mein Haus, mein Auto, meine Yacht. Ähnlich funktioniert auch der „IKEA-Effekt“, der uns Selbstgebautes oder auch nur selbst Zusammengeschraubtes höher wertschätzen lässt, als das in der Edel-Möbel-Boutique lieblos gekaufte Designerregal des Arbeitskollegen. Zur Vermeidung unerwünschter (weil unbezahlter) Schleichwerbung rege ich an, diesen Effekt künftig „Hamarvik-Symptom“ zu nennen – nach der berühmten schwedischen Matratze.

Die Liste der Psycho-Effekte jedenfalls ist lang – eine vernünftige, faktenbasierte Entscheidung demnach kaum möglich. Was ja auch der allgemeinen Lebenserfahrung entspricht. Wem würde nicht schlagartig Mutti Merkels Politikstil verständlich, wenn er liest, dass der „Default-Effekt“ dafür sorgt, dass der homo sapiens meist diejenige Option bevorzugt, die in Kraft tritt, wenn er keine aktive Entscheidung trifft. Und sieht man nicht Mitmenschen wie Andreas Scheuer oder Friedrich Merz sofort als die hilflosen Opfer des „Backfire-Effektes“, der die Neigung beschreibt, Fakten, die der eigenen Überzeugung widersprechen, als untrügliche Bestätigung eben dieser Überzeugung zu betrachten.

Und falls Sie sich immer noch gut regiert, sicher und wirtschaftlich gut aufgestellt fühlen, verweise ich auf die berühmte „Truthahn-Illusion“. Was heißt, einen bestehenden Trend auch für die Zukunft gültig anzunehmen, ohne ihn zu hinterfragen. Die Sicherheit wächst dabei permanent solange der Trend andauert. Woraus folgt, dass diese Sicherheit kurz vor der Trendwende am größten ist.  Der Name dieses Effekts kommt von einer schönen Fabel: Bis zu seiner Schlachtung wird der Truthahn jeden Tag gefüttert und umsorgt. Deshalb ist am Abend vor seinem Tod die Wahrscheinlichkeit, dass er am nächsten Tag auch wieder gefüttert und umsorgt wird, am größten. Aus der Sicht des Truthahns. Trotzdem wird er am folgenden Tag zu Thanksgiving geschlachtet. Genau von jener Person, die ihn bislang umsorgte.

Sollte Ihnen meine kleine Aufzählung unserer Wahrnehmungsdefekte – und ich versichere Ihnen, die meisten blieben unerwähnt – ihre positive Sicht auf unsere Spezies noch nicht geraubt haben, dann wäre da ja noch der „Dunning-Kruger-Effekt“: Menschen, die unterdurchschnittlich kompetent sind, fehlt meist auch die Kompetenz, das zu erkennen. Wenn das keine Entschuldigung ist!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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