Brunners Welt (Foto: SR)

„Jahreswechsel“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.01.2021 15.20 Uhr

Nr. 813

Nicht dass Sie denken, ich hätte keine Lust aufs Neue Jahr. Kommt ja sowieso – zumindest solange uns Corona nicht auch noch eine Kalenderreform beschert. Irgendwas mit „v.C.“ bzw. „n.C“. Und selbst dann wär's ja irgendwann wieder ein neues Jahr. Quasi alternativlos. Seit Freitag 0 Uhr ist 2021 und das ist auch gut so. 2020 war ja nun nicht gerade ein Jahr, das man partout nicht hätte gehen lassen wollen.

Und zumindest eines hat das Neue Jahr mit allen seinen Vorgänger*innen gemeinsam: Zum Start ist es ebenso unschuldig und unvorhersehbar wie jedes zuvor. Egal ob wir nun versucht haben, durch bleifreies Gießen irgendwelcher kruden Klumpen zu Vorhersagen zu kommen oder durch Werfen abgenagter Hühnerknochen, ob wir den Lauf der Sterne bemüht, die Tarotkarten befragt oder uns an der Interpretation alter Prophezeiungen versucht haben – es kommt wie's kommt. Auch wenn der Übergang in diesem Jahr doch deutlich anders war als gewohnt. Freunde rauschender Parties kamen ebenso wenig auf ihre Kosten wie die Anhänger gepflegter Drei-Sterne-Silvester-Menüs im Nobelrestaurant. War ja alles downgelockt.

Und dann noch Böllerverbot! Also nicht so richtig, eher ein Böllerverbot light. Man durfte ja, nur eben nicht überall, nicht mit mehr als fünf Menschen aus zwei Haushalten und man konnte die pyrotechnischen Explosivprodukte auch nicht im heimischen Laden kaufen. Für Saarländer*innen kein wirkliches Problem – dank der reichhaltigen Angebote im benachbarten Frankreich. Wenn es denn gelungen ist, die Einkaufsfahrt als „familiär dringenden“ Ausflug zu klassifizieren. Sonst halt Silvester-Quarantäne.

Oder man hat es gemacht wie der Zahnarzt bei uns aus dem ersten Stock. Der hatte offenbar aus den heimischen Laborvorräten in Eigenarbeit Silvester-Sprengsätze zusammengerührt. Definitiv erfolgreich, wenn das Zeug auch gegen 17 Uhr vorzeitig detonierte. Noch heute finden sich im Hof unseres Hauses Gebissteile, Brücken und sonstiger Zahnersatz. Glücklicherweise gab es keine Verletzten zu beklagen und auch die drei Löschzüge der Feuerwehr, das SEK und die Antiterroreinheiten konnten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Ob nun ansonsten dieses Silvester tatsächlich leiser und familiärer und mit Brot statt Böllern abgelaufen ist, kann ich – zumindest aus eigener Anschauung – nicht beurteilen. Dank des Fernsehprogrammes und der Restbestände des Weihnachtspunsches befand ich mich ab 22 Uhr im Tiefschlaf, den erst ein bestimmtes „the same procedure than every year, James“ beendete. Auf dem Fernseher stolperte der Butler dieses Namens über das bereitgelegte Tigerfell. Ein Blick auf das meinen Händen offenbar entglittene Tablet und die Nachrichtenlage verriet mir: Trump war noch immer Präsident, die Coronazahlen auf einem neuen Höchststand, Jens Spahn mahnte zur Vorsicht und Karl Lauterbach beschwor den Untergang. Alles beim Alten. Erst die roten Ziffern der Digitaluhr machten mir den Anbruch des neuen Jahres bewusst.

Wer hätte gedacht, dass die ARD den Neujahrsmorgen 2021 um 5.10 Uhr mit der coronagerechtesten Geburtstagsfeier der Welt begeht? Ich nicht. Dass ansonsten alles - von Pandemie bis zum amerikanischen Wutpräsidenten - genauso weitergeht wie im Vorjahr, hätte mir allerdings klar sein müssen. Und warum auch nicht? Das Jahr hat ja noch 12 Monate vor sich – und schlimmer als 2020 kann's ja kaum werden. Meine Nachbarin Barscheck hatte noch einen Zettel hinterlassen: „Wollte Sie nicht wecken. Frohes Neues Jahr!“ Einen Wunsch, den ich Ihnen hier gerne weitergebe. Auf ein Neues!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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