Brunners Welt (Foto: SR)

"Weihnachten"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.12.2020 15.20 Uhr

Nr. 812

Nicht dass Sie denken, ich wollte Ihnen das Weihnachtsfest vermiesen. Das hat ja schon das Virus besorgt, beziehungsweise, wie die Weihnachtsmänner und -frauen von "Querdenken" sagen würden: Die Merkel-Diktatur.

Andererseits: Weihnachten 2020 wird definitiv das, was wir uns doch jedes Jahr wieder gewünscht haben fürs Fest der Feste: Unvergesslich. Und mal ehrlich, was fehlt uns denn diesmal? Hauptsächlich doch nur das, was wir ohnehin schon seit Erfindung des Tannenbaums immer beklagt haben: Konsumorgien (sorry, Einzelhandel!), öffentlicher Alkoholmissbrauch mit minderwertigem Rotwein, peinliche Weihnachtsfeiern in Betrieb oder Verein. Stattdessen: Nun endlich Besinnlichkeit pur, Kleinfamilie, aerosolarmes Summen von Weihnachtsliedern, Blockflötenverbot, kurz: Stille Nacht! Man könnte sich sogar mal wieder darauf besinnen, was Weihnachten eigentlich bedeutet. Betlehem, Jesu Geburt, Stall usw.

Nicht so einfach, allerdings. Fängt mal damit an, dass bei einer Umfrage schon im Jahre 2018 gerade noch 36 Prozent der Deutschen angaben, ihnen sei Religion wichtig. Weit abgeschlagen hinter Urlaub, Markenvielfalt und Privatfernsehen. Und bei den Gläubigen, Katholiken wie Evangelen, zeigte sich, dass nur etwa die Hälfte noch glauben mag, dass dieser Jesus wirklich "Gottes Sohn" gewesen sei. Auweia. Sollte das eigentliche Weihnachten dann doch tatsächlich eben genau das sein: Konsumorgien, Glühweinsuff und der Fremdschämauftritt des Firmenchefs im roten Bademantel mit Wattebart?

Macht aber auch nix: Der Konsum ruht ja bestens aufgehoben in den gierigen Händen des Versandhandels. Die heiligen Drei Könige kommen tatsächlich aus dem Morgenland, auch wenn sie nun halt bei Ups, Dhl oder Hermes zum Mindestlohn angestellt sind. Und der allseits bekannte, nach den kampfstarken Frauen der Antike benannte Verschick-Riese hat alles im Angebot: Gold in jedweder Form, Weihrauch – sogar in Kapseln als vegane Nahrungsergänzung, und Myrrhe sowieso. Schau'n Sie nach, wenn Sie es nicht glauben. Den Glühwein liefert der Discounter palettenweise und der Chef turnt auch vor der Zoom-Kamera als Weihnachtsmann für seine Home-Office-Belegschaft herum. Inklusive Bonusprogramm, weil er dachte, die Häschen-Puschen kämen nicht aufs Bild. Auch so gesehen ist das Fest also gerettet.

Und für die kleine Minderheit derer, die noch das wahre, religiöse Fest auf dem Schirm haben, ist ja sowieso gesorgt: Gottesdienste dürfen stattfinden und 1,50 Meter Abstand zum Nächsten sind ja auch mal ganz angenehm. Alles gut, also.

Bloß nicht für die Alten, unsere Mütter und Väter, oder Großeltern. Besonders, wenn sie in Altenheimen oder sonstigen Pflegeeinrichtungen leben müssen. Viele von ihnen werden die Festtage tatsächlich allein verbringen müssen, ohne ihre Familien, weil es weder mit der Verteilung der FFP2-Masken noch mit den Schnelltests für Heimbewohner und Besucher*innen so richtig klappt. Wobei die Tests durchaus vorhanden sind, man aber bei der Planung vergessen hat, dass das zur Durchführung nötige Personal an allen Ecken und Enden fehlt. Das allerdings ist weder lustig noch eigentlich zu entschuldigen.

Meine Nachbarin Barscheck meint allerdings, richtig schlimm ist es vor allem, wenn der Familie immer erst Weihnachten einfällt, dass sich mal wieder jemand um die Altvorderen kümmern müsste. Das Fest der Pflicht-Liebe halt. Wie auch immer, unser Treppenabsatz wünscht Ihnen allen schöne Weihnachten im Lockdown – froh und munter sein können wir sicher auch irgendwann wieder. Geht dann auch ohne Weihnachtsdiktatur.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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