Brunners Welt (Foto: SR)

"Entschiedene Entscheidungen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 11.12.2020 16.20 Uhr

Nr. 811

Nicht dass Sie denken, ich sei kein entschiedener Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Schon allein, weil ich mir meine bescheidenen wöchentlichen Betrachtungen nur sehr ungern im Programmumfeld eines Privatsenders vorstellen möchte. Muss ich aber auch nicht, weil da kämen sie gar nicht erst vor.

Und mit dem Entschieden-Sein und dem Entscheiden ist das eh so eine Sache. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff hat gerade das Kunststück fertig gebracht, durch eine Entscheidung zum Nicht-Entscheiden eine Entscheidung herbeizuführen. Die Gebührenerhöhung ist gestoppt. Die Landes-Koalition ist gerettet. Letzteres allerdings auch nur mit deutlichem Zähneknirschen seitens der Koalitionspartner. "Unter normalen Umständen wäre dies der Moment, eine solche Koalition zu verlassen. Derzeit sind aber keine normalen Zustände." Sagt die Grünen-Fraktionschefin. Ist klar, ist ja Corona. Nicht so ganz klar ist mir der Zusammenhang, aber wurscht. Virus sticht immer.

Die SPD ist sauer, "erkennt aber an, dass der Ministerpräsident seine Entscheidung mit dem Ziel getroffen habe, eine gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD zu verhindern". Ja, anerkennenswert. Allerdings auch keine Dauerlösung, solange es solche inhaltlichen Übereinstimmungen gibt wie bei der Rundfunkgebühr – und die AfD die zweitstärkste Partei im Landtag ist. Die im übrigen die Nicht-Entscheidung als Sieg feiert. Weil sie es wieder einmal geschafft hat, die verhassten "Mainstream-Parteien" vor sich herzutreiben.

Und das alles wegen 86 Cent Erhöhung. Ein Betrag, der nun wahrlich keinen Haushalt in den Ruin treiben dürfte. Aber im Koalitionsvertrag steht nun mal, dass man für die „Beitragsstabilität“ eintreten werde. Und bitte, jetzt soll man bloß nicht mit so etwas wie „Inflationsausgleich“ kommen. Jedenfalls nicht der anhaltinischen CDU. Deren medienpolitischer Sprecher Markus Kurze hat da schlagende Argumente: "Wenn ich mit meinen Kindern ein Taschengeld aushandle, dann ist das stabil. Da gibt es keinen Inflationsausgleich." Sondern womöglich ein paar hinter die Löffel, wenn die Kleinen quengeln.

Liebe Kinder von Herrn Kurze: Schaut doch mal in die Taschengeldtabelle des Jugendamtes – da gibt es alle zwei Jahre eine satte Erhöhung. Und sagt bei der Gelegenheit gleich mal dem Papa, dass seine Vergleiche nicht nur hinken, sondern es nicht mal am Rollator bis zur nächsten Ecke schaffen. Woher der Wind wohl wirklich weht, macht ein Parteikollege des Taschengeld-Kurze klar. Der schrieb auf Twitter zu einem missliebigen Satire-Video des Öffentlich-Rechtlichen: "Nicht nur deshalb ist es richtig, dass die geplante Erhöhung des Rundfunkbeitrages nicht kommen wird." Das ist nur ein paar Millimeter neben dem Klassiker der empörten Hörerpost "So was nicht von meinen Rundfunkgebühren!"

Und genau deshalb ist es wichtig, dass wir dafür sorgen, dass dieser Rundfunk so finanziert ist, dass er unabhängig arbeiten kann. Meint auch meine Nachbarin Barscheck, die sich ständig über Volksmusik, Quizshows, teure Sportübertragungen und Arztserien aufregt. Weil man natürlich über das Programm und darüber, wofür unser Gebühren-Geld und wie ausgegeben wird, sehr wohl diskutieren darf und muss. Aber nicht mit der Drohung von Taschengeld-Entzug. Und auch nicht unbedingt mit der AfD, die sowieso gerne den ganzen "links-grün-versifften Staatsrundfunk" abschaffen will. Da muss man sich halt entscheiden.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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