Brunners Welt (Foto: SR)

„Narrenhände“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.11.2020 15.20 Uhr

Nr. 809

Nicht dass Sie denken, ich hätte einen Anfall von Lokal-Patriotismus. Aber warum nicht in Zeiten des vorweihnachtlichen Lockdown, in denen selbst die Heiligen Drei Könige nachweisen müssen, dass zumindest zwei von ihnen im selben Haushalt wohnen, den Blick in die nähere Umgebung richten. Zumal, wenn sich die Heimatstadt die Aufmerksamkeit so sehr verdient. Und die alte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ mit bürokratischer Souveränität beantwortet: „Ist zwar Kunst, kann aber trotzdem weg!“

Ja, muss sogar. Weil die EU Angst hat, dass Bürgerinnen und Bürger Angst bekommen, wenn sie unter der Wilhelm-Heinrich-Brücke hindurch gehen. Schließlich wurde das Bauwerk mit EU-Geld saniert und: Wer zahlt, schafft an. Nämlich, dass es in europäisch sanierten Unterführungen „eine helle Bemalung geben müsse, um Angsträume zu vermeiden“. Lobenswert. Allerdings hatte die Stadt Saarbrücken im Jahre 2017 Wand und Säulen unter der Brücke freigegeben für Graffiti-Kunst. Weil man eine „Chance für junge Künstlerinnen und Künstler“ geben wollte. Denn:„Die Landeshauptstadt Saarbrücken steht für kulturelle Vielfalt, gelebte Toleranz und humanitäres Engagement.“ So zu lesen auf der städtischen Homepage. Nicht minder lobenswert.

Also prangte auf der freigegebenen Wand nun seit Jahren ein gesprühtes Kunstwerk des renommierten Street-Artisten Cone The Weird – zur Freude, oder zum Ärger, der Passanten. Wie das mit Kunst halt so ist. Von Panikattacken beim Anblick des Werkes ist allerdings bislang nicht zu hören gewesen.

Das hätte man den zuständigen EU-Behörden ja vielleicht auch so vermitteln können. Stattdessen hat der Hinweis auf mögliche Forderungen nach Rückzahlung der verwendeten Zuschüsse ohne weiteres Nachdenken den städtischen Malertrupp auf die Kunstwand losgelassen, die nun in angstfreiem Grauweiß EU-gerecht erstrahlt. Die ebenfalls bemalten Säulen kommen auch noch dran. Nicht, dass sich doch noch jemand fürchtet. Farben können ja – soviel steht fest – durchaus massive Wirkungen auf die Psyche haben. Nun herrschte beim jetzt übertünchten Sprühwerk die Farbe Orange vor. Von der einschlägige Experten sagen, sie wirke „kräftig, fröhlich, belebend und stimmungsaufhellend“. Signalisiere darüber hinaus   „Aufgeschlossenheit, Kontaktfreude und Jugendlichkeit, Gesundheit und Selbstvertrauen“. Nimm das, EU!

Aber zu solcher Argumentation hätte es neben ein wenig Rückgrat eben auch ein wenig Sachkenntnis gebraucht. Wie schreibt der Duden? Ein Banause ist eine „Person, der jegliches Interesse, Gefühl, Verständnis für geistige oder künstlerische Dinge fehlt“. Muss es ja auch geben, nur sollte man solche Leute nicht gerade über Verbleib oder Vernichtung von Kunst bestimmen lassen. Da hilft es auch nichts, wenn man den Vorgang jetzt zerknirscht „bedauert“ und versuchen will „Ersatzflächen anzubieten“. Weg ist weg.

Man stelle sich vor, dass die Werke anderer prominenter Wandbeschmierer einem ähnlichen staatlichen Vandalismus zum Opfer fielen. Michelangelos Sixtinische Kapelle zum Beispiel. Würde schwierig mit dem Anbieten von Ersatzfläche. Zumal der Renaissance-Graffiti-Künstler seit etlichen Jahren verstorben ist. Die Stadt Saarbrücken jedenfalls hat auf dem im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Weg zur Kulturhauptstadt Europas einen weiteren beherzten Schritt getan. Leider in die falsche Richtung. Wie sagt der Volksmund: Narrenhände beschmieren Tisch und Wände. Aber, wie meine Nachbarin Barscheck sagt: Manchmal tünchen sie sie auch.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja