Brunners Welt (Foto: SR)

"Fly me to the moon"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.10.2020 16.20 Uhr

Nr. 804

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Smartphone-Junkie. Hinge, wo ich nun gerade gehe oder stehe, mit Aug und Ohr am mobilen Bildschirmchen. Aber im Bedarfsfall würde ich schon gerne telefonieren oder die Navigations-App um Erleuchtung bitten können. Klappt nicht immer und überall, wie wir alle wissen, denn allen Versprechungen zum Trotz plumpst der oder die Reisende immer noch häufig genug ins große Funkloch. Wobei ein Blick in die Lochstatistik Erstaunliches verrät: Die meisten dieser Löcher lauern ausgerechnet in Baden-Württemberg! Es gibt also offenbar außer Hochdeutsch doch noch etwas, was man dort nicht kann.

Aber es tut sich was! Nicht in Baden-Württemberg, aber doch in einem der größten jemals entdeckten Funklöcher: Auf dem Mond. Ja, die Erde ist nicht genug, deshalb hat die NASA jetzt Nokia beauftragt, unseren kraterübersäten Trabanten mit einem Telefonnetz zu beglücken. Schon Ende 2022 soll das lunare Netz stehen, bald auch schon in 5G-Qualität. Das sind gute Nachrichten. Schon vor Jahren hat sich ein Astronaut über die kosmische Einsamkeit beschwert, die einen auf der Rückseite des Mondes befällt, wenn die Funkkommunikation streikt. Nachvollziehbar. Wie schön also, wenn die nächsten Mondbesucher, die die NASA 2024 dorthin schießen will, nach Hause telefonieren oder ihr Lieblings-Onlinespiel daddeln können, wenn sie der Spaceblues befällt.

Erst recht wichtig wird das Mondnetz dann ab 2028, wenn der Aufbau einer dauerhaften Ansiedlung auf Luna beginnen soll. Mag durchaus sein, dass der Hinweis "5G-Anbindung vorhanden" dann doch den einen oder die andere Baden-Württemberger*in zur Übersiedlung animieren könnte. Nokia vermeldet zudem, dass sich das neue Netz "selbst aufbauen" könne. Toll – auch wenn man sich das als auf Erden zurückbleibender Normal-User gerne auch fürs heimatliche Funkloch wünschen würde. Aber gut, dann halt erstmal der Mond.

Das All wird ja überhaupt zur Zeit immer wichtiger. Nun hat auch die NATO den ganzen leeren Raum um unseren Planeten herum als künftiges Schlachtfeld ausgemacht und will deshalb in Ramstein ein „Space Center“ einrichten, das die Verteidigung im Weltraum lenken und organisieren soll. Noch-Präsident Trump hat schon vor einiger Zeit erkannt, dass Frieden nur möglich sei, wenn die USA auch im All „die Vorherrschaft“ hätten. Wie ja auch schon auf Erden zur Genüge unter Beweis gestellt – in vielen Friedensmissionen, vulgo: Kriegen. Si vis pacem para bellum – wie schon der Lateiner schwerterklirrend sprichwortete.

Die NATO will ja auch nicht gedankenlos in ein neues Wettrüsten starten, sondern baut begleitend auch noch einen Denktank auf, in dem man sich tiefschürfende Gedanken über das Abschießen oder Stören feindlicher Satelliten machen will. Um der irdischen Bevölkerung keine allzugroße Angst zu machen, nennt die NATO die neue Einrichtung lieber „Kompetenzzentrum“, beruhigend, denken wir da doch eher an die friedliche Niederlassung eines Autokonzerns oder an all die werbetechnisch zu ganzen Kompetenzbündeln geadelten handwerklichen oder kommunalen Einrichtungen. Bleibt nur noch die Frage, ob das neue NATO-Kompetenzzentrum für Weltraumkrieg nun im deutschen Kalkar oder im französischen Toulouse entstehen wird.

Meine Nachbarin Barscheck findet jedenfalls das neue Funknetz auf dem Mond schon mal gut. Es entlastet ihr Gewissen, wenn sie mal wieder den ein oder anderen Regierungsvertreter am liebsten "auf den Mond schießen" möchte. Der hat ja dann zumindest Netz – und das ist doch die Hauptsache.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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