Brunners Welt (Foto: SR)

"Einzelfälle"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.10.2020 15.20 Uhr

Nr. 803

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Einzelfall. Zumindest nicht, wenn mich die Frage umtreibt, was eigentlich ein Einzelfall ist. Beziehungsweise, wie viele Einzelfälle es braucht, damit daraus… etwas anderes wird. Das muss man dann wahrscheinlich im Einzelfall entscheiden.

Der Duden sagt, ein Einzelfall sei entweder ein konkretes Ereignis oder aber etwas, das eine Ausnahme darstellt. Klingt einfach, ist es auch im ersten Fall. Also, wenn etwas wirklich nur ein einziges Mal passiert. Das mit der Ausnahme ist schon ein bisschen schwieriger. Denn um festzustellen, ob etwas wirklich selten passiert, ausnahmsweise eben, muss man schon einen Maßstab haben. Also mindestens zwei Zahlen vergleichen. Die Gesamtmenge, auf die man sich bezieht, und die Anzahl der einzelnen Geschehnisse, die man betrachtet. Dünnes Eis. Kennen wir aus Beziehungsdebatten. "Immer lässt du deine dreckigen Socken mitten im Zimmer liegen!" oder: "Nie fragst du mal, wie es mir geht!" sind beliebte Anwürfe, die dem Partner oder der Partnerin im Streitfall entgegengeschleudert werden.

Natürlich sind in solchen Situationen statistische Anmerkungen über die tatsächliche Häufigkeit der Verfehlungen völlig sinnlos. Geschweige denn Hinweise darauf, man habe die Socken auch schon in Ecken oder auf deutlich abseits der Raummitte stehenden Stühlen platziert. Nun weiß ich natürlich nicht, ob oder wie oft Horst Seehofer unter solchen Vorhaltungen seiner Karin zu leiden hatte. Aber derlei Traumata wären natürlich eine Erklärung für seine standhafte Weigerung, mittels einer Studie festzustellen, ob rechte Chatgruppen, Munition hortende Reichsbürger, Drohbriefe an missliebige Politiker*innen oder Fälle von "racial profiling" vielleicht doch ein strukturelles Problem im Polizeiapparat darstellen.

Denn die Begründungen, die der Minister selbst vorbringt, sind nicht so recht nachvollziehbar. Eine solche wissenschaftliche Studie würde die Polizei unter "Generalverdacht" stellen? Es ist doch gerade Aufgabe der Wissenschaft, ohne Vorannahme eines Ergebnisses an eine solche Untersuchung heranzugehen. Auch der Bund deutscher Kriminalbeamter fragt sich, "warum wir Angst vor Wissenschaftlern haben sollten", schließlich wisse man bislang nur, dass es Rechtsextremismus und Rassismus in der Polizei gebe, aber eben nicht, wie viele Fälle es wirklich seien. Was also spricht dagegen, sich dieses Wissen zu beschaffen?

Und was rumpelt im Kopf des NRW-Innenministers Reul herum, dass er zum gleichen Thema verkündet: "Ich werde nicht das Spiel der Wissenschaft spielen"? Fühlt er sich in seinen Angstträumen von weißbekittelten Angreifern umstellt, die ihm aus schierer Spielelust seine schöne Polizei kaputt zocken wollen? Nicht, dass ich nun meinerseits CDU-Politiker unter Generalverdacht stellen möchte. Aber man könnte schon auf den Gedanken kommen, dass die Herren doch Angst haben, es gäbe da etwas zu verstecken. Friedrich Merz warnt davor, dass man die amerikanische Situation nicht "eins zu eins" auf Deutschland übertragen dürfe. Wir hätten ja keine Sklaverei gehabt in Deutschland und somit auch "keinen latenten Rassismus bei der Polizei".

Als hätten wir nicht unsere eigenen Feindbilder im Keller – Fotomontagen von Migranten in der Gaskammer, die unter Polizisten kursierten, könnten da doch ein Hinweis sein, findet meine Nachbarin Barscheck und fordert auch unbedingt eine wissenschaftliche Studie. Auch wenn sie behauptet, ich würde immer meine leeren Batterien im Hausmüll entsorgen. Dabei  sind das nun wirklich nur Einzelfälle.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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