Brunners Welt (Foto: SR)

"Sprichwörtliche Freude"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 09.10.2020 15.20 Uhr

Nr. 802

Nicht dass Sie denken, ich gäbe besonders viel auf Sprichworte. All diese Weisheiten, die uns gerne auf geschmackvoll bemalten Täfelchen oder kalligrafisch bepinselten Steinen am Frühstücksbuffet im Hotel oder an der Wand im Büro des Finanzbeamten die Welt erklären wollen. „Aus Schaden wird man klug“ bewahrheitet sich ebenso selten wie „ehrlich währt am längsten“. Wäre dem nicht so, wäre die Welt voller kluger Menschen, und Unternehmungen wie wirecard oder der DFB hätten nicht jahrelang ihr unehrliches Spiel treiben können. Jedenfalls nicht länger als so mancher kleine Bäcker, dessen ehrlich gebackene Brötchen schon nach kurzer Zeit den aus China importierten Billigteiglingen vom Discounter nicht mehr standhalten konnten. Und ein Donald Trump wäre nie Präsident geworden.

Apropos: Der Volksmund weiß ja auch: „Schadenfreude ist die reinste Freude“. Ich gebe zu, als ich von der Corona-Infektion des egomanen Rumpelstilzchens im Weißen Haus erfuhr, durchzuckte mich spontan eine Empfindung, die mit betroffenem Mitgefühl alles andere als korrekt beschrieben wäre. Und auch meine Nachbarin Barscheck trug ein ausgesprochen gut gelauntes Lächeln im Gesicht, als sie wenig später an meiner Tür klingelte, um die Nachricht mit mir zu teilen. Schadenfreude – nun ja.

Aber darf man das eigentlich? Zum Glück haben wir ja in Deutschland zur Beurteilung solcher Fragen einen Ethikrat, dessen Mitglied, die Regionalbischöfin Bahr, sogleich von der ZEIT dazu befragt wurde. Zur Kühlung Ihres möglicherweise aus ähnlichen Gründen wie bei mir heißgelaufenen Gewissens: Schadenfreude ist normal, sagt die Bischöfin, so was wie ein Reflex. Wenn der größte Rüpel und Schläger des Schulhofs mal selber aufs Schandmaul fällt, freut das halt die übrige Schulgemeinde. Unvergessen auch unsere Freude, als der heftigste Brüller der Lehrerschaft eines Tages vor versammelter Klasse einen Stimmbandkrampf erlitt und nur noch wie im Fernseher bei ausgeschaltetem Ton stumm den Mund aufreißen konnte. Gemein, ich weiß - aber schön. Und normal, sagt ja auch die Bischöfin.

Die wär natürlich keine, wenn da nicht noch ein „Aber“ käme. Nach dem schadenfrohen Reflex nämlich, sagt sie, müsse – zumindest bei Erwachsenen - die Reflexion kommen. Die natürlich jeder unschuldigen Freude den Garaus macht. Ist ja klar: Trump ist mit 74 Jahren und einem Body-Mass-Index von 30 voll in der Risikogruppe. Und da kann so eine Corona-Infektion schon mal ernst werden. Oder sogar final – und das wünscht man ja nun keinem. „Reine Freude“ will da nicht aufkommen.

Schon gar nicht öffentlich. Denn auch da ist die Frau Bahr ganz Kirchenfrau: So lang man ihr keinen Ausdruck verleiht, geht die Schadenfreude noch durch. Als „klammheimliche Freude“ gewissermaßen und damit kennt man sich in der Kirche durchaus aus. Also: Keine Schadenfreude, kein Spott und keine Häme sollen aus unserem Treppenabsatz dringen.

Aber inzwischen ist der stärkste und robusteste Präsident aller Zeiten ja wieder gesundet, hat sich öffentlich die Schutzmaske vom Gesicht gerissen und fühlt sich besser als vor zwanzig Jahren. Und findet weiterhin kein Wort des Bedauerns für die 200.000 Corona-Toten in seinem Land oder die von ihm oder zumindest im Weißen Haus angesteckten Mitarbeiter*innen. Angesichts dessen ist das bisschen Schadenfreude doch ganz ok. Klammheimlich natürlich. Und sogar mit bischöflichem Segen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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