Brunners Welt (Foto: SR)

"KI"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.10.2020 15.20 Uhr

Nr. 801

Nicht dass Sie denken, ich hielte die Menschheit an sich für doof. Schließlich gehöre ich ja auch zu dieser Spezies. Andererseits liegt natürlich die Messlatte nicht so hoch in einer Zeit, in der sich ein ein amerikanischer Präsident als "stable genius" bezeichnen kann, ohne globusweit brüllendes Gelächter auszulösen. Mag also sein, dass eine Zufuhr von Intelligenz dem homo sapiens durchaus gut täte.

Nur, woher nehmen? Von der Computertechnologie natürlich: "Künstliche Intelligenz" ist das Zauberwort. IT-Systeme also, die selber lernen, was sie wissen müssen. Dummerweise wachsen solche Maschinen ja nicht auf Bäumen, sie müssen entwickelt und gebaut werden, wozu ein enormer Aufwand an natürlicher Intelligenz erforderlich ist. Und die muss auch erst mal entscheiden, was denn der elektronische Schlaukopf überhaupt lernen soll. Der Rechner auf der Schulbank macht das erst mal wie wir Bio-Intelligenzen weitestgehend auch: Über Versuch und Irrtum. Herdplatte heiß, drauffassen macht Aua, lassen wir also besser beim nächsten Mal. Beziehungsweise: Sensor raucht bei 200 Grad ab, also weg mit dem Roboter-Patschehändchen. Klar, der Rechenknecht ist bei derlei Versuchsreihen ein wenig flotter als unsereins und so ein Sensor ist auch wesentlich unkomplizierter auszutauschen als eine Fingerkuppe.

Vor allem aber tut's ihm nicht weh – so hoffen wir. Wir haben ihm ja  keine Software zum autonomen Jammern spendiert – schließlich möchten wir gelegentlich auch, dass so ein System klag- und widerstandslos seine eigene Vernichtung in Kauf nimmt, ob nun die Raumsonde Parker Solar Probe zum Ende in unserem Zentralgestirn verschmurgelt oder der Bombenentschärfungsroboter doch mal in die Luft fliegt. Vor allem – auch das ist nicht so viel anders als bei unsereinem – hängt die Qualität der künstlichen Lernergebnisse stark vom  Lehrmaterial ab, mit dem wir Bios sie füttern. Das autonome Uber-Taxi hat die fahrradschiebende Frau überfahren, weil niemand vorher auf die Idee gekommen ist, ihm so ein Szenario vorzustellen. Menschliches Versagen also – natürlich.

Mag ja sein, es liegt an meiner mangelhaften Intelligenz – aber ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir eigentlich so dringend Autos brauchen, die ohne unser Zutun fahren können. Der Zeitgewinn? Bislang hatten Menschen, die schon auf dem Weg zum nächsten Einsatzort arbeiten müssen, doch meist auch das Geld, sich einen Chauffeur zu leisten. Oder im ICE ihr Notebook zu bearbeiten und ihr Handy voll zu quatschen.

Unfallvermeidung? Die meisten Unfälle geschehen durch menschliches Versagen. Ja...das ist dann natürlich ausgeschlossen. Übrigens der einzige Punkt, den meine Nachbarin Barscheck gelten lässt, die ohnehin so gut wie alle anderen Verkehrsteilnehmer für Vollidioten hält und das hinter dem Steuer auch lautstark zum Ausdruck bringt.

Und natürlich soll der Verkehrsfluss durch Autonome optimiert und dadurch umweltfreundlicher werden. Was vermutlich zu noch mehr Fahrten der gewissensberuhigten Bürgerinnen und Bürger führen wird – wenn's doch umweltfreundlich ist...

Deutlich intelligenter wäre es allerdings, weniger Autos zu haben. Und meine Waschmaschine, mein Kühlschrank und mein Toaster müssen nicht zwingend mit Intelligenz ausgestattet sein, nur um nachts billig zu waschen oder den Biernachschub automatisch zu organisieren. Das krieg ich mit natürlicher Intelligenz auch selbst ganz gut hin. Und wenn nicht, geh ich halt in die Kneipe und krieg ein dummes Gespräch noch dazu.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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