Brunners Welt (Foto: SR)

"Reiche Leichen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 25.09.2020 15.40 Uhr

Nr. 800

Nicht dass Sie denken, ich spinne. Obwohl ich zugeben muss, dass durch erhöhten Serienkonsum in einsamen Coronanächten sich da schon einiges Merkwürdige tummelt im Hirnkasten. Was auch nicht restefrei verschwunden ist, wenn man endlich offline ins Bett sinkt. Da zischt man dann schon mal träumend im mitternachtsblauen Latexanzug als Captain Brunner durch den Luftraum über Deutschland, um dank seltsamer Superkräfte die virengebeutelte Republik wieder auf Vordermann oder -frau zu bringen. Umso erfreulicher, wenn der in der Realität doch eher leptosome Körper im Traum den enganliegenden Superheldendress an den richtigen Stellen auf das Sportlichste ausbeult. Aber bitte: Das bleibt unter uns – meine Nachbarin Barscheck muss nicht unbedingt von diesen nächtlichen Ausschweifungen meiner Phantasie erfahren.

Tatsächlich aber erlebte ich gerade unter dem gleißenden Sonnenlicht des realen Wahnsinns einen Moment, an dem mir ein deutliches „Ich glaub, ich spinne“ durchs Hirn schoss. Als mir nämlich kürzlich die Veröffentlichung eines amerikanischen Professors unterkam, der für eine bemerkenswerte Gage eingeladen wurde, vor etwa hundert Investmentbankern einen Vortrag über die "Zukunft der Technologie" zu halten. Und sich dann statt auf einer Bühne an einem Tisch mit fünf Superreichen wiederfand, die sehr konkrete Informationen haben wollten. Angesichts des Zustandes unseres Planeten, inklusive Corona, planten sie, sich irgendwo in High-Tech-Ressorts samt Bunkeranlagen zurückzuziehen.

Aber da gab es noch Fragen: Erstmal natürlich: Wo ist wohl der sicherste Standort für so ein Refugium? Welche Ecke der Erde wird möglichst spät von den Folgen des Klimawandels, einer atomaren Verseuchung, eines katastrophalen Virenausbruchs oder eines ultimativen Hackerangriffs heimgesucht? Auch wenn das ein bisschen nach James-Bond-Szenario klingen mag, hat das doch eine gewisse Logik: Diese Herren, deren bisherige Geschäftspraktiken möglicherweise nicht unerheblich zu den befürchteten Gefahren beigetragen haben könnten, möchten sich gerne vor deren Folgen drücken. Geld ist da nicht das Problem.

Was die besorgten Fünf aber wirklich umtrieb, war das Wissen, dass sie auch im entlegensten, stacheldraht- und mauerbewehrtesten Hochsicherheits-Ressort noch ganz normale Menschen brauchen würden. Beispielsweise Sicherheitskräfte. Und da hatte man ein Problem: Wie kann man diese Leute im Griff behalten, wenn die Welt drumherum im Chaos versinkt und die einzigen Essens- und Versorgungvorräte die sind, die der reiche Arbeitgeber für sich und seine Familie gebunkert hat? Damit die sich dann nicht in einen aufgebrachten Mob verwandeln, und ihre Waffen gegen Herrchen und Frauchen richten, um sich ihren Teil zu holen.

Ideen gab's schon: Geheime Codes zum Schutz des eigenen Essens, "disziplinarische" Halsbänder, die deren Träger gegebenfalls per Elektroschock zum pflichtgemäßen Gehorsam zurückbringen. Oder doch gleich besser Kampf- und Dienstroboter statt wankelmütigem Menschenmaterial? Wie gesagt: Kein Traum das Ganze! Gut, dass man jetzt mal weiß, was diese Herren so im Kopf haben. Frau Barscheck zieht den Schluss, dass man sich vielleicht nun doch mal, bevor das Desaster hereinbricht, zusammentut, um seinen Teil zu erstreiten und die Katastrophe vielleicht noch zu verhindern. Bevor uns die Halsbänder angelegt werden.

Und mir kommt in den Kopf, ob  jemand, der in der Zukunft so leben will wie diese schrecklichen Fünf nicht irgendwie sowieso schon tot ist? Da muss wohl Captain Brunner ran – oder eine Kollegin.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 25.09.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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