Brunners Welt (Foto: SR)

"Es brennt"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 11.09.2020 15.20 Uhr

Nr. 798

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Fragen. Schließlich weiß ich ja spätestens seit der Sesamstraße: "Wer nicht fragt bleibt dumm". Und ebenso unverbrüchlich hat sich der Satz "Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten" in den deutschen Sprücheschatz eingeschrieben. Weithin unbekannt ist aber die Fortsetzung dieses Zitates. Die lautet nämlich: "Allerdings gibt es Fragen, die eindeutig die Dummheit des Fragestellers selbst beweisen."

Die hessische Europaministerin Lucia Puttrich hatte beim Anblick der Flammen im Flüchtlingslager Moria eine, sozusagen brennende, Frage. Nämlich: "...was einige Menschen dazu bringt, ihre sichere Unterkunft in Europa anzuzünden." Das ist eine besonders dumme Frage, weil es unmöglich ist, sie zu beantworten, ohne die darin versteckten Unterstellungen zu akzeptieren. Kein Mensch – außer offenbar Frau Puttrich - weiß zur Zeit, wer die Brände in Moria gelegt hat – wenn es denn wirklich Brandstiftung war. Was wir aber sicher wissen: Zelte, Wellblechhütten mit Pappwänden und notdürftig zusammengebastelte Unterstände in einem mindestens vierfach überbelegten Lager sind keine "sicheren Unterkünfte".

Aber Frau Puttrich will ja auch keine Antwort, die hat sie schon: "Dieser Gewaltausbruch einiger darf nicht belohnt werden.“ Zum Beispiel durch eine Verlegung in andere europäische Länder. Ihr Parteifreund Marian Wendt gibt da gern Schützenhilfe: "Wer Feuer legt und Löschmannschaften angreift, kann nicht nach Deutschland geholt werden". Ja, das mag sein. Aber: Wenn wirklich "einige Menschen" in Moria die Brände selber gelegt hätten, wie viele von diesen 13.000 dort Eingepferchten könnten das wohl gewesen sein? 50? 100? 12.995?

Außer den beiden zitierten christlichen Politiker*innen vermeldeten natürlich die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen erwartungsgemäß "Schock", "Entsetzen", "Trauer" oder "Mitgefühl". Wichtig dabei ist nur, dass man sich von solchen Gefühlen jetzt nicht zu unbedachten humanen Hilfeleistungen hinreißen lässt! Zum Beispiel, einfach ein gewisses Kontingent der obdach- und hilflos gewordenen Flüchtlinge im eigenen Lande aufzunehmen. Das geht nicht, denn "Alleingänge Deutschlands wären nicht hilfreich, weil sie den Eindruck erwecken könnten, Deutschland werde die Flüchtlinge allein aufnehmen". Sagt der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion.

Nein, wir brauchen jetzt eine "europäische Lösung". Also das, was wir seit zehn Jahren schon brauchen, aber nicht hinkriegen. Und auch jetzt nicht hinkriegen werden, weil EU-Mitglieder wie Österreich, Ungarn oder Tschechien sich strikt weigern, überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen. Das ist doof, vor allem für die Menschen in Moria, aber, wie unsere einstige "Wir-schaffen-das"-Kanzlerin verkündet: "Wenn sich in Europa herumspricht, dass alle Flüchtlinge, die jetzt zur Debatte stehen, von Deutschland aufgenommen werden, werden wir nie eine europäische Lösung bekommen." Ist klar. Aber wenn jetzt jeder darauf wartet, dass ein anderer zuerst was unternimmt, gibt’s auch keine Lösung.

Trotzdem wird mächtig an einer "Koalition der Willigen" geschmiedet, allen voran schwingt Innenminister Seehofer da den Schmiedehammer – sagt er. Das mit so einer "Koalition der Willigen" gab's ja schon mal. 2003. Hat auch ziemlich gut geklappt, damals. Kein Wunder, sagt meine Nachbarin Barscheck, da ging's ja auch um einen Krieg. Gegen den Irak. Noch Fragen?


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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