Brunners Welt (Foto: SR)

„Urlaub in Corona“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 04.09.2020 15.20 Uhr

Nr. 797

Nicht dass Sie denken, ich träumte von einer Urlaubsreise. Dazu fehlt mir schlicht die Zeit. Also: Nicht zum Träumen, auch nicht unbedingt für die Reise selbst. Aber die notwendige Planung sprengte mein Zeitbudget komplett. Auf der derzeitigen Liste des Robert-Koch-Institutes finden sich über 130 als Corona-Risikogebiete ausgewiesene Länder und Regionen. Gut, die meisten davon wären mir ohnehin nicht als Urlaubsziele in den Kopf gekommen – wer möchte schon zur Zeit in Belarus oder Syrien Erholung suchen. Und wo auf dem Globus ein Land namens Eswatini möglicherweise verlockende Ferienangebote vor mir ausbreitet, müsste ich erst mal nachschlagen.

Außerdem kommen für mich als ökologisch bewusstem Bürger Fernreisen per Flugzeug ohnehin nicht in Frage. Obwohl ich keinen Hund besitze. Eine Studie hat nämlich gerade ergeben, dass ein mittelgroßer Hund im Laufe seines Lebens einen ökologischen Pfotenabdruck hinterlässt wie 13 Flüge von Berlin nach Barcelona. Ich hätte da als Haustierloser also noch ein paar Flugmeilen gut. Meine Nachbarin Barscheck behauptet zwar, das sei entweder ein schwerwiegender Denkfehler oder ein noch schwerwiegenderer Versuch einer blöden Ausrede, aber das muss noch ausdiskutiert werden.

Wie auch immer, richten wir unser Augenmerk also auf europäische Reiseziele. Was das Problem allerdings in keiner Weise vereinfacht. Nicht nur, dass das deutsche Auswärtige Amt da auch eine ansehnliche Liste von Risikogebieten ausweist – von Andorra bis Spanien – und die sich auch noch nahezu täglich ändert: Auch die anderen europäischen Länder haben natürlich ihre eigenen Risikolisten. Belgien beispielsweise heißt Bundesbürger problemlos willkommen – es sei denn sie kommen aus Düsseldorf, Darmstadt, Arnsberg oder Bayern. Für die Deutschen dagegen zählen Teile Belgiens als Risikogebiet. Wer also von Brüssel wieder nachhause will, muss sich anschließend in Quarantäne begeben. Oder einen aktuellen, natürlich negativen, Corona-Test vorlegen. Was allerdings genau unter „aktuell“ zu verstehen ist, weiß niemand so genau.

Auch die Dauer der Quarantäne ist von Land zu Land unterschiedlich: zehn Tage, 14 Tage oder auch fünf Tage mit anschließendem Test. Ob die zur Verfügung stehenden Urlaubstage also überhaupt für alle Eventualitäten ausreichen, kann der oder die Reisewillige nur grob abschätzen. Wer wissentlich in Risikogebiete verreist, bekommt zudem auch keinen finanziellen Ausgleich für die Quarantänezeit. Gut für Menschen, die im Urlaub ohnehin den Nervenkitzel suchen und Entspannung nur beim Bungee-Springen, Helikopter-Skiing oder beim Freihandklettern im ewigen Eis finden: Jetzt wird schon die Planung zum ersten Abenteuer.

Aber Rettung vor all den Wirrungen ist in Sicht: Auf Anregung der deutschen EU-Ratspräsidentschaft trafen sich diese Woche die EU-Botschafter aller 27 Länder, um über eine Vereinheitlichung des EU-Flickenteppichs zu beraten. Mit etwas Glück schafft man da noch eine Regelung bis auch in den  letzten beiden deutschen Bundesländern die Schulferien zu Ende sind. Dumm ist allerdings, dass die EU-Behörden in Brüssel nun mal mitten in einem Risikogebiet liegen und deutsche Minister dorthin nicht reisen, ebenso wenig wie Kommissionsmitarbeiter und Diplomaten von dort nach Deutschland kommen können.

Unser Treppenabsatz stellt also seine Liegestühle in den Hof und verfolgt die Entwicklung bei eisgekühlten Getränken - ganz entspannt.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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