Brunners Welt (Foto: SR)

"Schwaben in Berlin"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.08.2020 15.20 Uhr

Nr. 794

Nicht dass Sie denken, ich hinkte mal wieder hinterher. Ich habe mir nur Zeit gelassen. Manche Dinge muss man eben erst mal verdauen. Und wenn das geschafft ist, die Verarbeitung nochmal dem Hirn übertragen.

Da haben also vor zwei Wochen eine Menge Menschen in Berlin gegen irgendwas demonstriert. Sorry, konkreter war der Satz nicht zu formulieren. 17.000 Teilnehmer*innen  hat die Polizei festgestellt, die Veranstalter*innen und ihnen nahestehende Personen behaupten, es waren 1,3 Millionen. Klar, genau zählen kann man solche Ansammlungen nicht. Es werden Stichproben gezählt, die Versammlungsfläche wird ausgemessen, dann wird irgendwie hochgerechnet. Spezialisten sagen, das Ergebnis habe eine Fehlerquote von bis zu 30 Prozent. Da auch die Polizei nicht dümmer ist, als sie es selbst erlaubt, wird man wohl nicht einfach eine völlig unrealistische Zahl raus hauen. Also: 1,3 Millionen ist nicht.

Aber ist das überhaupt so wichtig? Offenbar ja, denn die Medien beschäftigten sich tagelang damit. Die Frage, wer und wogegen denn da nun demonstriert hat, ist interessanter – aber nicht einfacher zu beantworten. Gegen Maskenpflicht, Abstandsgebot, Lockdown, Zwangsimpfungen, Virokratie, die Deutschland GmbH, die Lügenpresse, das RKI, 5 G, Bill Gates, die Corona-Lüge, Merkel, Spahn und Lauterbach. Soweit eine kleine Auswahl. Es scheint, als ob jede und jeder, der mit irgendwas in diesem Lande nicht einverstanden ist, sich auf den Weg nach Berlin gemacht hatte.

Ganz wie es der Gründer des veranstaltenden Vereins "Querdenken 711" in seiner Ansprache formulierte: Man ignoriere "das Schubladendenken Links, Mitte, Rechts". Da sind dann halt auch ein paar Schubladen aufgegangen.

Und natürlich wurden die Auflagen, die für diese Demo galten, nicht eingehalten. Verständlich. Wie soll man mit Maske und Abstand glaubhaft gegen Maske und Abstand demonstrieren? Kommt nicht gut rüber. Obwohl... mit etwas Fantasie und Intelligenz wär das schon zu machen gewesen. Mundschütze mit Aufdruck "zwangsmaskiert"? Oder durch präzises Abstandhalten den Demonstrationszug zu gigantischer Länge auseinander ziehen? Aber muss man die Demonstrierenden deswegen als "Covidioten" bezeichnen, wie Frau Esken von der SPD das getwittert hat? Muss man nicht. Und schon gar nicht muss man das Demonstrationsrecht einschränken.

Genauso wenig wie man Menschen mit Maske als "Schlafschafe" oder "Gehirngewaschene" titulieren muss. Aber verlangen kann man schon, dass die gern das Grundgesetz schwenkenden Demonstranten mal zu Ende lesen. Klar: "Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln". Aber eine Zeile weiter: "Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden".

Auflagen gab und gibt es für jede Demo – auch schon vor Corona. Und bei Nicht-Einhaltung werden solche Demos halt aufgelöst. Und gegebenenfalls ist ein Bußgeld fällig. So was muss ein Staat dann auch mal durchsetzen - und zwar nicht nur bei migrantisch aussehenden Jugendlichen in Stuttgart, sondern auch bei schwäbelnden "Bio-Deutschen" in Berlin. Meine Nachbarin Barscheck meint ja, dass auch bei denen "Ahnenforschung" durchaus Überraschendes zu Tage fördern könnte. Aber dem Virus ist das eh wurscht. Und mir auch.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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