Brunners Welt (Foto: SR)

"Anstand ist teuer"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 31.07.2020 16:40 Uhr

Nr. 792

Nicht dass Sie denken, ich neigte zum Grübeln. Aber hin und wieder komme ich nicht drum rum. So auch jetzt, nachdem Arbeitsminister Heil das Gesetz zum Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie durchs Kabinett bekommen hat. Wobei ich da höchstens ein bisschen darüber ins Grübeln gerate, warum erst jetzt. Aber bitte: Besser spät als nie. Ansonsten: Wer wollte etwas gegen ein Gesetz sagen, das unter dem Motto "Schluss mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen" antritt? Niemand – nicht einmal die Fleischindustrie selbst.

Zumindest im Kern. Da gibt es natürlich einzelne Details, die man nicht so toll findet und gegen die man gegebenenfalls klagen will. Aber die Werkverträge sollen weg. Allerdings warnt der Verband der Tierverwerter schon mal vor: Satte 20 Prozent würde das Fleisch wohl dadurch teurer werden. Aha. Wenn man also aufhört, Menschen 16 Stunden am Stück zu miesen Löhnen arbeiten zu lassen und sie in schäbigen Unterkünften unterzubringen, dann müssen wir mehr Geld für Steak, Kotelett und Schnitzel hinblättern.

Da kann man schon mal ins Grübeln kommen. Warum müssen Grillfreund und -Freundin dafür bezahlen, dass sich die Fleischkonzerne an eigentlich selbstverständliche Mindeststandards halten? Oder, um es mit den Worten des Arbeitsministers zu sagen, Schluss machen mit „organisierter Verantwortungslosigkeit“. Es könnte ja auch über einen etwas geringeren Gewinn ausgeglichen werden. Von der Firma Tönnies beispielsweise erfährt man nicht, wie hoch der Gewinn der Firma ist. Aber bei einem Jahresumsatz von rund 7 Milliarden dürften da schon ein paar zig Millionen hängen bleiben.

Und wenn das nun ein Fünftel weniger wäre, müsste Herr Tönnies noch längst nicht seine eigene Billigwurst zum Frühstück essen. Zumal er ja auch noch ein jährliches Geschäftsführergehalt von fünf Millionen einstreicht. Entschuldigung, aber sowas kommt halt beim stillen Grübeln raus. Und jetzt liest man auch noch, dass Tönnies gerade 15 neue Tochterunternehmen gegründet hat, die künftig die Arbeiter anstellen sollen. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Zum Beispiel, dass da dann doch wieder über ein Hintertürchen weitergemacht werden soll mit werksvertragähnlichen Konstrukten.

Im Übrigen ist das Heil-Gesetz ja auch noch nicht durch Bundestag und -rat gegangen. Bis dahin werden noch viele Koteletts über den Grill wandern. Schon melden sich Zweifel aus der Union: Man könnte doch der Fleischindustrie nicht verbieten, saisonal benötigte zusätzliche Arbeitskräfte anzuheuern. Weil: „Wir werden das Grillen nicht in den Winter verlegen“. Obwohl dann wenigstens das Bier kalt bliebe. Aber es würde ja auch nix helfen, weil dann eben die zusätzlichen Arbeitskräfte im Winter gebraucht würden.

Und selbst wenn das neue Gesetz tatsächlich kommen sollte: Ob die darin vorgesehenen Kontrollen zur Einhaltung dann wirklich ausreichen? Ab 2026 sollen gerade einmal 5 Prozent der Betriebe pro Jahr kontrolliert werden. Warum so wenig? Auch der Arbeitsminister weiß eben, wie teuer dieses verdammte Personal ist. Könnte man natürlich über Werkverträge etwas drücken im Preis – aber ich will ja niemanden auf Ideen bringen.

Die Linke sagt jedenfalls auch, dass das neue Gesetz noch längst nicht weitreichend genug sei. Und die Bundesregierung müsse sich halt überlegen, ich zitiere, "ob sie weiterhin den Tönnies dieses Landes ihre Wurst vergoldet". Das jedenfalls, sagt meine Nachbarin Barscheck schaudernd, wolle sie auf keinen Fall.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 31.07.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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