Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Hätte, hätte, Lieferkette"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.07.2020 16:20 Uhr

Nr. 790

Nicht dass Sie denken, ich lebte im Luxus. Also... ja, doch... schon... Aber ich kann nichts dafür. Das wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Beziehungsweise: Die Wiege stand glücklicherweise im richtigen Teil der Welt. Denn verglichen mit sehr vielen anderen Teilen der Welt leben wir alle in verschwenderischem Luxus, selbst diejenigen, die sich den Saus und den Braus hierzulande auch nicht leisten können. Wissen wir alles – und man muss ja auch nicht immer vergleichen.

Aber kürzlich stieß ich auf eine website, auf der man sich ausrechnen lassen kann, wie viele "Sklaven" für einen arbeiten. Also Menschen, die keinen Einfluss darauf haben, wo, für wen und unter welchen Bedingungen und für wie viel Geld sie arbeiten und wohnen müssen. In meinem Fall sind das 44. Hätte ich nicht gedacht.

Mein Handy ist älter als zwei Jahre, mein Fernseher wird bald fünf und meine Klamotten passen in einen Kleiderschrank – plus die, die noch auf Sesseln, Sofas und Stühlen rumliegen, wie meine Nachbarin Barscheck nicht müde wird zu erwähnen. Und nur dafür schuften also 44 Menschen irgendwo auf der Welt. Zum Glück, also zu meinem und der meiner direkten Umwelt, muss ich diese meine Sklaven nicht per Nilpferdpeitsche zur Arbeit nötigen. Ich kenne sie nicht einmal. Man sieht sie nicht. Aber sie sind da und buddeln irgendwo die seltenen Erden für mein Handy aus, nähen meine T-Shirts und kleben meine Schuhe zusammen. So weit so schlecht.

Wirtschaftspolitik
Kommt jetzt das "Lieferketten-Gesetz"?
Ein Gespräch mit Hauptstadt-Korrespondent Georg Schwarte über die Pläne der Bundesregierung für ein "Lieferketten-Gesetz".

Und jetzt kommen unser Arbeitsminister Heil und sein Kollege vom Entwicklungshilfeministerium Müller daher und wollen ein "Lieferkettengesetz". Das soll deutsche Unternehmen dazu zwingen, bei allen Stationen, die für die Herstellung ihrer Produkte so durchlaufen werden, auf ökologische und soziale Mindeststandards zu achten. Und wenn nicht, dafür zu haften. Dann müssten also die Auftraggeber in der BRD Schadensersatz leisten, wenn wieder einmal ein Fabrikgebäude über den Arbeiter*innen zusammenstürzt, wie 2013 in Bangladesh. Oder sich eben vorher darum kümmern, dass die Sicherheitsvorschriften dort eingehalten werden. Klingt eigentlich nach einer Selbstverständlichkeit.

Aber nicht in den Ohren der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. Die schon Ende Juni in einem Brandbrief an den Unions-Fraktionschef Zeter schrien und auch Mordio, dass gerade jetzt in Corona-Zeiten das nun wirklich eine Überforderung der Firmen darstelle. Man habe ja auch oft gar keinen Einfluss darauf, was bei den einzelnen Gliedern so einer Lieferkette geschehe. Allein ein Oberhemd, so der BdA-Geschäftsführer, durchlaufe bis zu 140 Stationen, bevor es hier im Regal liege. Außerdem würden die Firmen ja „im Großen und Ganzen“ die Vorgaben schon erfüllen. Und diejenigen, die er besucht habe, täten das geradezu „vorbildlich“.

Laut einer eben veröffentlichten Umfrage sind es gerade 22 Prozent des Großen und Ganzen, die bislang auf Einhaltung der Menschenrechte, Arbeitsschutz und angemessene Bezahlung ihrer Lieferanten schauen. Müssen wohl zufällig die Firmen gewesen sein, die der BdA-Mann besucht hat. Jedenfalls findet er, der Staat müsse die Unternehmen „ermutigen, nicht verschrecken“. Sonst würden sich die nämlich „aus dem Geschäft zurückziehen“. Wohin auch immer. Wie viele Sklaven für diesen Herrn schuften, weiß ich natürlich nicht – aber: Ist nicht eigentlich auch schon einer zu viel? Barscheck hat neulich gelesen, dass etwa 75 Millionen Kinder für unsere Kleider, unseren Kaffee oder Kakao arbeiten müssen. Hätten die nicht eigentlich ein Recht auf Schulbesuch? Hätte, hätte, Lieferkette.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 17.07.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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