Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Schwein gehabt"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.06.2020 15:20 Uhr

Nr. 787

Nicht dass Sie denken, ich würde nicht jedem eine zweite Chance zubilligen. Oft genug auch eine dritte oder gar vierte. Wo wären wir alle, wenn uns nicht selbst solche Möglichkeiten zu einem neuen Anlauf das ein oder andere Mal gewährt worden wären? Warum also nicht auch dem Fleischbaron Clemens Tönnies offenen Ohres und Herzens begegnen, wenn er wie kürzlich mit allen Anzeichen der Zerknirschung angesichts von 1500 Corona-Infizierten in seinem "Schlacht-, Zerteilungs- und Verdedelungsunternehmen" beteuert: "So werden wir nicht weitermachen. Wir werden diese Branche verändern."

Warum nicht? Da gibt es einige Gründe. Zum Beispiel, dass sich der zerknirschte Fleischboss zwar am 15. Mai brieflich „für die Abschaffung der Werkverträge“ ausgesprochen hat, aber schon fünf Tage später an Arbeitsminister Heil schrieb

"Ein generelles Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft hätte massive, strukturell-negative Veränderungen für die Agrarwirtschaft zur Folge." Und sie somit nicht abgeschafft, sondern "fair gestaltet" werden sollten. Am besten unter seiner Mitwirkung – wegen Expertise und so. Eigentlich nennt man das Lobbyismus.

Einsicht und Läuterung ist vielleicht ja auch ein bisschen viel verlangt von einem Mann, der den Rekordumsatz von 7,3 Mrd. Euro im letzten Jahr nicht zuletzt durch den massiven Einsatz von osteuropäischen Arbeitskräften erreicht hat. Die von Sub- oder Sub-Sub-Unternehmern passgenau ins gelobte Deutschland geschafft werden, um dann hier für Mindestlohn Schweine in Discounter-Schnitzel zu verarbeiten. Danach, wenn sie abgewirtschaftet und verbraucht sind, werden sie gerne wieder ins Heimatland entsorgt. Frischfleisch kommt ja immer nach.

Wie viel Solidarität ist glaubhaft zu erwarten mit diesen nun massenweise infizierten "Schattenmenschen"? Von einem, der sich sein sagenhaftes Privatvermögen von knapp zwei Milliarden auch durch Cum-Ex-Geschäfte zulasten des Staates und durch Verschweigen von Unternehmensbeteiligungen gegenüber der Kartellbehörde ergaunert hat? Mir fällt es doch schwer, da aus meiner Mördergrube ein Herz zu machen. Zumal, wenn ich auch noch von einer herzlichen Kumpanei des Herrn Tönnies mit Lichtgestalten wie "Würstel-Uli" Höneß, Gazprom-Schröder, Siggi Gabriel und Wladimir Putin lesen muss. Gut, man kann sich seine Freunde nicht immer aussuchen, aber eine kleine Tendenz lässt sich da schon ausmachen.

Das gute alte Wort vom "Schweinesystem" scheint angesichts der Umstände bei Tönnies da doch überraschend passend, findet meine Nachbarin Barscheck. Die allein schon beim Anblick des Firmenwahrzeichens Würgereiz bekommt. Da stehen ein grinsendes Schwein, nebst einer fröhlichen Kuh, die ihren Schwanz mit dem eines beeindruckenden Zuchtbullen in Herzform verschlungen hat, übereinander wie einst die Bremer Stadtmusikanten. Als wollten sie sagen: "Ja, lass uns noch ein paar Kälber zeugen, die dann als Rollbraten und Leberwurst den Menschen zur Freude gereichen." Und das Schweinchen quiekt dazu: "Jaa, bitte, schlachtet mich und schiebt mich durch die Kreissäge, bis ich in die Blisterverpackung passe!"

Tönniesfleisch ist in zig "Markenprodukten" verarbeitet, die uns für billig Geld über den Tresen geschoben werden. Darum braucht sich meine Nachbarin aber nicht zu kümmern, meint sie. Weil sie ihr Fleisch ohnehin nur beim Bauernhof ihres Vertrauens kauft. Wenn das massenhaft Schule machte – es könnte die Branche vielleicht tatsächlich verändern.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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