Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Wumms"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 05.06.2020 16:40 Uhr

Nr. 784

Nicht dass Sie denken, ich glaubte tatsächlich an Wunder. Schon gar nicht in den meist unheiligen Hallen, in denen die Sitzungen unserer Regierungsverantwortlichen stattfinden. Aber irgendetwas muss da geschehen sein während der 21 Stunden, die die Parteispitzen über das neue Konjunkturprogramm beraten haben.

Als zwar nicht gläubigem aber doch annehmbar bibelfesten Bürger drängen sich mir – in dieser Nachpfingstwoche - da geradezu die Zeilen aus der Apostelgeschichte auf: "Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder." Und anschließend heißt es, die Versammelten "begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." Wahrlich, so muss es gewesen sein am Mittwoch in Berlin.

Hubertus Heil jedenfalls sprach in engelischer Zunge von den vier T's – bzw. four Tees - im zu verkündenden Programm: Timely müsse es kommen, temporary sein, targeted und natürlich transformative. "Wumms!" entfuhr es darauf Finanzminister Scholz. Und das nicht ein- sondern gleich dreimal! "Mit Wumms wollen wir aus der Corona-Krise kommen!" Ja, Olaf Scholz, der Buster Keaton der Sozialdemokratie, der Scholzomat in Person. Wumms!

Tatsächlich bezeugen auch die Ergebnisse der Tafelrunde, dass ein gewisser Geist durch die Tagungsstätte gebraust sein muss. Und das obwohl Alexander Dobrindt mit am Tisch saß. 130 Milliarden macht der Bund locker zum Anschub der corona-infizierten Konjunktur. Und das durchaus auch im Sinne der gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger. Mehrwertsteuersenkung für das nächste halbe Jahr, und 300 Euro Kinderbonus pro Rotznase plus Entlastung von Alleinerziehenden. Nicht einmal ein kurzes Aufheulen des untoten CDU-Wiedergängers Friedrich Merz "auch 300 Euro Kinderbonus sind ausreichend um Staatshaushalte zu ruinieren" konnte die Konkunktur-Ritter bremsen. Wumms!

Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge, Investitionshilfe für den ÖPNV! Wobei das "Wumms" wohl auch das Geräusch beschreibt, mit dem die Backpfeife im Gesicht der nach einer erneuten Abwrackprämie sabbernden Autoindustrie gelandet ist. Keine Prämie für den Abverkauf der auf Halde liegenden Benziner und Diesel! Stattdessen Zuschüsse nur für den Kauf von E-Autos. Nebst satten 2,5 Milliarden für den Ausbau von Ladestationen. Nehmt das, die ihr die Verkehrswende verpennt oder gar absichtlich boykottiert habt!

Hinweggefegt haben die feurigen Zungen auch Schuldenbremse und schwarze Null, Sparprogramme und schwäbische Hausfrau! Um die Binnennachfrage soll es nun vorrangig gehen, nicht mehr um das stete Rangeln um den Titel des Exportweltmeisters. Um Investitionen in Schulen, digitale Infrastruktur, Kitas, Verkehrswende und Gesundheitssystem. Kurz all das, was man schon längst hätte auf den Weg bringen müssen.

Meint auch meine Nachbarin Barscheck, die sich bei all den Wumms und T's fragt, warum dazu erst ein Virus über uns herfallen musste. Aber immerhin, wenn‘s denn nun wirklich mal längerfristig in eine vernünftige Richtung gehen sollte, dann hätte die Pandemie doch wenigstens auch etwas Gutes gebracht.

Ob es das kleine Wörtchen "Wumms" tatsächlich zum "Wort des Jahres" schafft, wie Barscheck glaubt, bleibt abzuwarten. Wäre jedenfalls deutlich schöner, als das vom Jahre 2009. Das hieß "Abwrackprämie".


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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