Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Voll normal"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.05.2020 16:20 Uhr

Nr. 780

Nicht dass Sie denken, ich schwelgte wieder mal in Erinnerungen. Aber nachdem mir nun zu Ohren kam, dass Autokinos uns helfen sollen bei der schrittchenweisen Rückkehr in die kulturelle Normalität, kamen mir doch einige Bilder aus der Vergangenheit wieder hoch wie ranziges Popcorn. Allerdings weniger solche von den dort gesehenen Filmen. In jungen Jahren fuhren wir nicht wegen zu erwartender cineastischer Genüsse ins Drive-In-Kino, sondern hauptsächlich in der Hoffnung auf reale Erlebnisse mit der Beifahrerin. Offen gestanden kann ich mich an keinen der Filme, die ich dort besucht habe, auch nur rudimentär erinnern. Tempi passati.

Heutzutage lockt mich die Aussicht, dort Konzerte, Theater und sogar Kabarett coronasicher und live erleben zu können, samt Tonübertragung auf das fahrzeugeigene Autoradio. Normal ist das vielleicht noch nicht ganz, aber immerhin.

Stellt sich natürlich die Frage, was tun Menschen, die gar nicht über ein Auto verfügen? Fahrräder sind da wohl weniger geeignet. So gesehen ließe sich die vehemente Forderung der Autoindustrie nach Kaufprämien als eine Maßnahme der Kulturförderung interpretieren. Erstaunlich, dass dieses Argument den Vertretern der Branche noch nicht eingefallen ist. Wo sie doch ansonsten nichts auslassen, was sich auch nur irgendwie zur Untermauerung ihrer Wünsche anführen ließe. Ist normal.

Deutschland sei halt ein Autoland, sagt der VW-Chef. Und wer dem Auto hilft, helfe allen. Nicht nur den Arbeitern der Hersteller, nein, eine ganze Bestellkette setzt so ein Autokauf in Gang, bei den Zulieferern im In- und Ausland. Und auch wenn es notleidendere Branchen gebe, wie beispielsweise die Gastronomie oder die Künstler, der Autokauf habe halt den größeren Effekt. Aber nicht, dass jetzt nur moderne, klimafreundliche Antriebe unterstützt werden sollten! Nein, wie man aus Bayern hört, muss die Prämie „technologieoffen“ sein. Sprich: Die ganzen Diesel und Benziner, die noch auf den Höfen rumstehen, müssen ja auch noch unters Volk. O-Ton des VW-Chefs:  Das sei nicht die Zeit für "Grundsatzdiskussionen"; nötig sei vielmehr ein "Fokus auf die Konjunktur und Tempo". Also: Her mit der Marie! Und zwar ein bisschen plötzlich!

Sonst warten am Ende die potentiellen Käuferinnen und Käufer noch mit der Anschaffung, ob denn nun eine Kaufprämie kommt. Gut, das täten sie natürlich nicht, wenn die Autoindustrie das Thema nicht auf's Tapet gebracht hätte. Deswegen hat man's ja auch rechtzeitig angesprochen. Allerdings ist da auch noch die Sache mit den Dividenden.

Trotz aller Not wollen die Autokonzerne nämlich noch ein paar Milliarden unter ihren Aktionären verteilen. Wie normal. Allein BMW beispielsweise über 1,6 Milliarden Euro. Von denen die Hälfte den Familien Quandt und Klatten zufließt. Die nicht nur stets am golddurchwirkten Hungertuch nagen, sondern sich auch notorisch missverstanden fühlen.  Denn das Leben als Milliardäre habe ja auch Schattenseiten: "Man ist ständig sichtbar und gefährdet, muss sich schützen. Hinzu kommt der Neid." Furchtbar. Deswegen fragt ja auch Stefan Quandt zu Recht: "Wer würde denn mit uns tauschen wollen?" Niemand, da bin ich sicher.

Außer vielleicht meiner Nachbarin Barscheck und den paar Millionen Rentnern, denen der Herr Rürup zum Ausgleich der Corona-Kosten an die Tasche will. Und noch ein paar opferbereiten armen Schluckern und Schluckerinnen im Lande. Aber warten wir's ab. Irgendwie kommt die Kohle doch wieder da hin, wo sie immer schon hinging. Hat man uns ja auch versprochen: Jetzt geht’s zurück in die Normalität.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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