Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Bleib dran und drin!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Donnerstag 30.04.2020 16:40 Uhr

Nr. 779

Nicht dass Sie denken, mir läge nichts am Brauchtum. Vom Ostereiersuchen bis zum Tannenbaum-Schmücken – ich bin dabei. Und auch wenn ich mich nicht direkt an Fastnachts-Umzügen, -Bällen oder -Sitzungen beteilige – ohne Fastnachts-Kichelcher gehen auch bei mir die närrischen Tage nicht vorbei.

Natürlich steht auch der Erste Mai als "Kampftag der Arbeiterklasse" seit Kindertagen in meiner Agenda, als noch der Vater sich in den Ausgehstaat warf, um mit Anstand seine Solidarität zu bekunden. Dieses Jahr allerdings bestehe die laut Gewerkschaft darin "mit Anstand Abstand" zu halten.  Und zum ersten Mal seit 1949 heißt es statt des altehrwürdigen "Heraus zum ersten Mai!": "Bleib drin zum ersten Mai!". Live-Stream statt Live-Event.

Schön, dass auch auf  das gemeinsame Singen dabei nicht verzichtet werden sollte: Der virtuelle Chor "Sing mit", zusammengesetzt aus einsam vor dem Bildschirm aufgenommenen Gesangsvideos, intoniert die Hymne "You'll never walk alone", seit dem Sechziger-Jahre-Hit von Gerry and the Pacemakers tausendfach gegrölte Fußballhymne. Guter Kompromiss - "Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront" hätte sich virenmäßig ebenso verboten wie "We walk hand in hand". Allenfalls der schöne Roy-Black-Schmachtfetzen "Du bist nicht allein" wäre womöglich eine deutsche Alternative gewesen.

Aber vielleicht auch nicht so wirklich geeignet, um der Haymarket-Arbeiteraufstände im Jahre 1886 zu gedenken, auf die der "Tag der Arbeit" eigentlich zurückgeht. So manche alte Parole hätte in Corona-Zeiten eh nicht mehr getaugt: "Samstags gehört Vati mir"? Wo sich die Kids – und gelegentlich wohl auch die Frau des Hauses – zur Zeit eher wünschen, der Alte würde endlich mal wieder die Bude verlassen...

Meine Nachbarin Barscheck jedenfalls hat "ihren" Ersten Mai gefunden und ist einem Aufruf des Münchner DGB gefolgt: Die bayrischen Klassenkämpfer baten nämlich, "mit Spielzeug, Gummibärchen oder anderen Utensilien sich eine eigene Mai-Demo zu basteln" und die dann zu fotografieren und einzusenden. Seit einer Woche schon mampfe ich Gummibärchen – aber nur die gelben, grünen und weißen! Die roten Gelatine-Knilche marschieren sämtlich auf Barschecks Küchentisch gegen einen aus einem verkleideten Kartoffelstampfer gebastelten "Kapitalisten" auf.

Aber auch jenseits des Klassenkampfes dürfte dieses Jahr wohl das eine oder andere Problem aufgetaucht sein: Maiausflug? Nur mit der eigenen Familie und maximal einem trinkfesten Fremd- Kumpel? Auf dem – natürlich ebenfalls im Haushalt wohnenden - Bollerwagen zum ersten Mal neben der traditionellen Bierkiste auch ein Kasten mit Desinfektionsmittel? Unschön und auch nicht ungefährlich, wenn nach fortgeschrittenem Biergenuss Verwechslungsgefahr droht. Das will ja nun - außer Donald Trump – niemand.

Und was ist eigentlich aus der guten alten Hexennacht geworden? Zahnpasta auf Autoscheiben, Senf auf Türklinken ? Klopapier an die Laternen. Selbstverständlich unter Beachtung eines Mindestabstandes von 15 Blatt Länge! Gilt natürlich nur beim Standardmaß des begehrten Hygieneartikels, Umrechnungs-Apps für Sondergrößen finden sich sicher leicht im Netz.

Fest steht jedenfalls, auch im Virenjahr: "Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus". Auch da empfiehlt sich der Mindestabstand. Oder, wie es der DGB formuliert: "Solidarisch ist man nicht alleine".



Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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