Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Mach dich locker"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.04.2020 15:40 Uhr

Nr. 778


Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Lockerungsübungen. Gerade meine Nachbarin Barscheck ist ein schier unerschöpflicher Born an solchen Exerzitien der Dehnung, Streckung und Verbiegung irgendwelcher Muskel- und Gelenkpartien. Egal, ob nun meine Schultern verspannt sind von der Bildschirmarbeit oder der Nacken verhärtet durch ungünstige Haltung beim Fernsehen – Barscheck weiß Rat.

Gelegentlich ziehen solcherlei Bemühungen aber auch weitere behandlungsbedürftige Neuverspannungen nach sich: Kaum ist die Nackenpartie gelockert, sticht's im Zwischenrippenbereich, die Streckung der Halsmuskulatur hat eine Verkrampfung des unteren Rückens zur Folge – es hängt halt alles irgendwie zusammen. Ganzheitlich. Was wir auch sehr schön beobachten können bei den derzeitigen Lockerungen der coronabedingten Restriktionen.

Kleine Geschäfte dürfen wieder öffnen. Gut. Was aber bedeutet klein? 800 Quadratmeter. Warum gerade 800? Stand in anderem Zusammenhang in irgendeinem Gesetz als Grenze von klein und mittel. Na dann. Ist ja auch schön, dass der Buchladen um die Ecke endlich wieder was verdient. Aber wenn der Kleine Bücher verkaufen darf, dann will der Große das auch tun. Klar, wär ja sonst auch irgendwie wettbewerbsverzerrend. Außerdem sind ja auch Bücher was besonderes, und ist ja auch wichtig, dass man die ganzen Ratgeber zur Corona-Vorbeugung, - Bekämpfung und -Interpretation mal zu Gesicht bekommt.

Die Autohäuser dürfen auch öffnen, weil... es eben Autohäuser sind. Aber das zieht natürlich sofort die nächste Forderung nach sich: Die Zulassungsstellen, monieren die Autoverbände, müssten dann aber auch schnellstmöglich wieder in den Normalbetrieb zurückkehren. Was nützt das neugekaufte Auto, wenn man keine Nummernschilder kriegt? Schön – aber was ist dann mit den Reisebeschränkungen? Was nützt die zugelassene Neukarosse, wenn ich nirgends hinfahren darf? Will man ja auch nicht, dass demnächst Scharen blitzblanker Automobile immer im Kreis herum durchs Saarland brettern. In NRW mussten  auch gleich die Möbelhäuser wieder geöffnet werden, egal wie groß, weil... wär ja sonst ungerecht. Und außerdem gibt’s da so viele davon.

Das alles hat natürlich unmittelbar die Kirchenvertreter auf den Plan gerufen: Warum sollen die Tempel des Konsums geöffnet werden, die Tempel des Glaubens aber geschlossen bleiben? Wo doch die Freiheit der Religionsausübung im Grundgesetz steht – im Gegensatz zum Recht auf Automobilkauf. Gute Frage. Also geht’s demnächst wieder los in den Gotteshäusern – wenn auch mit geleertem Weihwasserbecken, Sicherheitsabstand zwischen den Gläubigen, Mundschutz bei der Predigt und spezieller Hostienzange für die Kommunion. Stell ich mir jetzt auch nicht soo einfach vor, mit der religiösen Inbrunst - aber bitte.

Ach ja, und die Frisöre. Da wird’s wohl ein bisschen schwierig mit dem social distancing – aber da ist die Frage nach dem Warum spätestens nach einem Blick auf Winfried Kretschmanns derzeitige Frisur hinreichend beantwortet. Außerdem kommt ja auch die Mundschutzpflicht – mancherorts werden die Dinger sogar staatlicherseits ausgegeben. In der Warteschlange vor der Ausgabestelle kann man das Für und Wider wunderbar auf Tuchfühlung diskutieren.

Womöglich muss das alles in 14 Tagen wieder zurückgefahren werden, aber dann können wir wenigstens mit akkuratem Haarschnitt, den neuesten Bestseller in der Hand, vom Balkon aus unseren Neuwagen betrachten. Bevor wir wieder ins frisch erworbene Sofa sinken und uns das nächste Corona-special reinziehen. Einfach locker bleiben.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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