Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Reim daheim"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Donnerstag 17.04.2020 15:40 Uhr

Nr. 777

Kennt ihr das Land, wo nicht mehr Viren blühn,
die Menschen wieder froh ins Freie ziehn?
Nicht dass Sie denken, Hoffnung sei mir fremd,
darauf, dass man mit Freunden wieder schlemmt.
Kennt ihr es noch? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr lieben Leute, ziehn.

Kennt ihr ein Heim, genutzt nicht als Büro,
wo Mann und Kinder nerven sowieso?
Und Chef und Chefin, gern bis nachts um Zehn,
per Skype und Zoom noch nach dem Rechten sehn?
Kennt ihr es noch? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr Bildschirmsklaven ziehn.

Kennt ihr das Land, in dem die Deutsche Bahn
es schafft, dass Züge wirklich fahrn nach Plan?
Und das nicht nur, wenn sie kaum einer nutzt,
weil Virus ihre Reisefreude stutzt?
Kennt ihr es noch? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr Zugbegleiter fliehn.

Kennt ihr das Land, wo die Kultur erblüht,
wo Frau und Mann es ins Theater zieht?
Konzert, Performance, Tanz, Installation!
Und nicht nur einsam Singen vom Balkon.
Kennt ihr es denn? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
Kontaktgesperrten ziehn.

Kennt ihr noch Fernsehn ohne stete Qual
von Virus-Extra, – sonder und -spezial?
Wo statt der Grafikbalken wäre bunt
Programmvielfalt – im Ernst: das wär gesund!
Kennt ihr das noch? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr Netflixgucker ziehn.

Kennt ihr das Land - ihr kennt's schon lang nicht mehr -
wo all die kleinen Leute, die da schwer
und lange schuften für zu wenig Geld
wär'n nicht nur kurz mal Heldinnen und Held,
wär'n gut entlohnt. Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr Schnäppchenjäger ziehn.

Kennt ihr das Land, wo Grenzen offen sind?
Wo man gemeinsam ein Europa spinnt,
sich kennt und hilft und stützt, nicht nur mit Geld?
Wo auch ein jedes Flüchtlingsleben zählt?
Kennt ihr das wohl? Dahin!
Dahin möcht ich mit Euch,
ihr guten Deutschen ziehn.

Kennt ihr das Land, wo wie man geht und steht
sich nicht mehr alles um die Krise dreht?
Erwache, der in Quarantäne pennt!
Es sorgt sich, dass ihr's bald schon wieder kennt
der Krisenstab. Dahin?
Dahin soll'n wir mit Euch,
ihr Krisenwärter ziehn?

Hört ihr sie wohl, sie reden laut und viel,
und manchem geht's wohl mehr um sein Profil:
Ob Laschet-locker oder harte Hand
in Bayern – neue Kanzler braucht das Land.
Wisst ihr das wohl? Dahin!
Dahin woll'n sie mit uns,
den Urnengängern ziehn.

Wisst ihr doch auch, es geht um Wohl und Weh
der Wirtschaft, die muss schnellstens in die Höh!
Fabriken! Börse! Und die Läden auf!
Soziale Schäden nimmt man noch in Kauf!
Woll'n wir das so? Wohin?
Wohin soll'n wir denn nur
mit unsern Wünschen flieh'n?

Na gut! Ist klar! Es gibt wohl keine Wahl,
erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst kommt die Arbeit, dann kommt erst der Spaß,
Kultur ist Luxus, klar, wir wissen das.
Glaubt ihr das auch? Warum?
Warum muss unser Glück
denn stets den Kürzren ziehn?

Es ging auch so: Dass man sich mal entfernt
von alten Mustern. Dass man etwas lernt
aus dem, was uns die Krise deutlich zeigt:
Wir haben eine Menge schon vergeigt!
Seht ihr doch auch. Dahin?
Dahin soll'n wir nochmal
sehenden Auges ziehn?

Ihr wartet schon? Da fehlt doch was? Schon recht!
Frau Barscheck schweigt? Da kennt ihr sie wohl schlecht.
Sie freut sich auf die nächste Demo schon,
bis dann hört man sie rufen vom Balkon:
Passt gut auf! Und werdet laut,
wenn man Euch die Zukunft klaut!
Kennt ihr das Werk, das hier mir Pate stand?

Na klar, ihr kennt's! Der Goethe ist bekannt!
Unangefochten ist des Meisters Thron,
doch geht’s mir langsam auf den Senkel schon.
Den Heine! Schnell! Dahin!
Dahin will ich zum End,
ihr tapfren Hörer ziehn.

Ein neues Land, ein besseres Land,
Freunde, wolln wir uns dichten!
Und woll'n es nach der Virenzeit
dann möglichst auch errichten.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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