Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Viren und Vernunft"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Donnerstag 09.04.2020 16:40 Uhr

Nr. 776

Nicht dass Sie denken, ich wüsste nicht, dass es einem auch in Corona-Zeiten gut gehen kann. Doch, mir geht es auch relativ gut. Auf unserem Treppenabsatz herrscht Frieden, selbst die inzwischen per Videoschaltung stattfindenden Scrabblespiele mit meiner Nachbarin Barscheck gehen ungewohnt entspannt über die Bühne. Was auch daran liegen mag, dass etwaige außerhalb der Kamera-Sicht platzierte Hilfsmittel wie Wörterbücher und ähnliches eben unentdeckt bleiben. Ich sage wohlgemerkt nicht, dass Barscheck solche regelwidrigen Gegenstände einsetzt, nur wenn, ich würde es nicht bemerken. Ich selbst tue so etwas selbstverständlich sowieso nicht. Nein, wirklich: Es geht uns ganz gut.

Manchen Menschen geht es sogar sehr gut, und das nicht trotz sondern wegen des Virus. Bill Ackman, beispielsweise, der Gründer des Investmentfonds „Pershing Square Capital“, hat kürzlich stolz verkündet, er habe gerade 2,6 Milliarden Dollar verdient. Und zwar mit einer Wette auf einen coronabedingten Börsenabsturz. Super. Und das, so sagt er, mit minimalem Risiko. Gerade einmal 27 Millionen Dollar habe er dafür einsetzen müssen. Prima. Und er ist beileibe nicht der einzige, der sich dergestalt an der Pandemie bereichert – die anderen ziehen es nur gentlemanlike vor, zu genießen und zu schweigen. Vielleicht wäre es doch vernünftig gewesen, rechtzeitig solche Finanzaktionen für die Zeit der globalen Pandemie auszusetzen.

Aber Vernunft... nun ja. Kürzlich sprach Wissenschaftserklärer Harald Lesch im Fernsehen den hoffnungsvollen Satz, ein "kleines Virus bringe uns zur Vernunft". Ich gebe zu, noch vor zwei Wochen habe ich mich an dieser Stelle ähnlichen Träumereien hingegeben. Aber heute? Angesichts eines Donald Trump, der mitten in der Krise androht, der WHO die Mittel zu streichen, weil sie "es vermasselt" hätte und zu "chinafreundlich" sei – das hält einen mehr als deutlichen Sicherheitsabstand von jedweder Vernunft. Infektion quasi ausgeschlossen. Trump kann halt nichts anderes, als sich einen Gegner zu erfinden, den er dann mit Geldentzug, Sanktionen oder unbewiesenen Anschuldigungen überzieht. Wer's "vermasselt" wird gefeuert, damit hat er sich schließlich in seiner Fernsehshow schon vor Jahren die Qualifikation für's Präsidentenamt erworben.

Nicht dass die Vernunft diesseits des großen Wassers besser aufgestellt wäre. Die strikte deutsche Verweigerung von "Corona-Bonds" ist von ökonomischer Vernunft ebenso weit entfernt wie von europäischer Solidarität. Und wieder Kredite an Länder wie Italien oder Spanien an Bedingungen von Einsparungen zu knüpfen, wie in alten Troika-Zeiten der Finanzkrise? Hat schon mal nicht funktioniert, machen wir nochmal! Vernunft geht anders.

Wenn's mit der schon nicht klappt, vielleicht schenkt uns das Virus ja wenigstens ein neues Gefühl des Zusammenhaltes und der Humanität? Ja, wenn's ums Klatschen vom Balkon oder um's Singen aus dem Wohnzimmerfenster geht, immer. Aber dann lesen wir, dass von den ohnehin schon lächerlich wenigen 1600 Kindern und Jugendlichen, die die EU aus den menschenunwürdigen Flüchtlingslagern in Griechenland schon vor Wochen beschlossen hatte, aufzunehmen, jetzt erst die ersten kommen dürfen. Und zwar 12 nach Luxemburg und 50 nach Deutschland. Macht insgesamt 62. In Worten: zweiundsechzig. Von 1600. Und da, sagt meine Nachbarin, müsste man sich wenigstens schämen. Zumal es uns ja noch gut geht. Noch.

Mr. Trump tönt schon davon, Amerika mit "einem großen Knall" wieder zu öffnen. Und das, mit Verlaub, klingt nun gar nicht gut.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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