Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Allein zuhaus"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.03.2020 16:40 Uhr

Nr. 773

Nicht dass Sie denken, mir sei langweilig. Wie denn auch in diesen Zeiten von Corona. Täglich überschlagen sich die Nachrichten, Sondersendungen zum Thema, tägliche Podcasts vom knuffigsten Virologen der Nation Christian Drosten. Nicht zu vergessen der ganze Verschwörungsmüll im Internet – man will sich ja auch mal amüsieren. Ohne das Virus hätte man gar nicht die Zeit, das ganze Zeug wegzugucken.

Zeit haben wir jetzt - wenn wir nicht gerade auf der Jagd nach Nudeln, Mehl und Klopapier durch die Stadt schnüren - Zeit für alles Mögliche. Zum Beispiel einfach mal nachzuschlagen, wo das Wort "Quarantäne" eigentlich herkommt. Aus dem Französischen, klar, von wo es schon im 17. Jahrhundert übernommen wurde. Quarantaine, ursprünglich ein Zeitraum von vierzig Tagen. Solange durften Schiffe mit seuchenverdächtigen Personen an Bord nicht in die Häfen einlaufen. Passt doch. Und ist schön zu wissen, wenn dann irgendwann "Wer wird Millionär" wieder normal mit Publikum stattfindet.

Im Moment wäre eine Teilnahme an irgendeinem Quiz sowieso undenkbar: Wir dürfen uns ja nicht ins Gesicht fassen. Und, das weiß die Forschung, das brauchen wir zum Nachdenken. Etwa 400 bis 800 mal täglich patscht der durchschnittliche Mensch in seinem Gesicht herum. Kein Wunder also, dass selbst Politiker, die gerade die Gesichtshygiene verkünden, sich kurz darauf an der Nase kratzen. Selbst die berühmte Merkel-Raute, sagen die Wissenschaftler, ist nichts anderes, als eine umgelenkte "Selbstberührung", die den auch in Vor-Corona-Zeiten "gesellschaftlich nicht besonders geschätzten Griff ins Gesicht" vermeidet. Sollten wir mal probieren. Schließlich müssen wir ja soziale Kontakte wo möglich vermeiden, da will man sich ja wenigstens selbst mal anfassen dürfen.

In Bayern, so liest man, musste die Polizei schon verschiedentlich sogenannte "Corona-Parties" auflösen, bei denen sich bis zu hundert junge Menschen in Parks zum Abfeiern getroffen hatten, samt Stromgenerator, Musik- und Lichtanlage. Muss ja auch wirklich nicht sein, auch wenn es eine gewisse Tradition hat, auf Vulkanen zu tanzen oder bis zur finalen Kollision mit dem Eisberg das Orchester spielen zu lassen.

Nein, nutzen Sie die gewonnene Zeit sinnvoll! Schreiben Sie endlich den Roman, der Ihnen schon lange durch den Kopf geht, sortieren Sie die Briefmarken-, Bierdeckel- oder Kronkorkensammlung oder lesen Sie endlich mal den "Ulysses", den Sie vor zwanzig Jahren mal zum Geburtstag geschenkt bekommen haben. Es wird auch irgendwann wieder mal Parties geben, auf denen Sie dann damit angeben können.

Dank meiner Nachbarin Barscheck muss ich mir glücklicherweise keine Gedanken um die Gestaltung meiner neu gewonnenen Zeit machen. Da der gesellschaftliche shut-down ja nun in die Zeit des beginnenden Frühlings fällt, gibt es immer irgendwo ein Fenster zu putzen, eine Gardine ab- oder aufzuhängen, eine Treppenhauswand zu streichen oder Kräuterbeete zu hacken, zu bepflanzen oder zu bezupfen. Dazu vergeht kaum ein Tag, an dem Barscheck mir nicht altersschwache Gerätschaften zur Reparatur bringt – von Großmutters Stehlampe bis zur nur mehr gehässig schnarrenden Küchenmaschine. Ich hätte ja jetzt Zeit, meint sie. Wird wohl wieder nix mit dem "Ulysses".

Bleibt nur zu hoffen, dass die Eierversorgung nicht zusammenbricht. Für Barschecks berühmten Eierlikör. Ist ja bald Ostern. Und das Zeug hilft – vielleicht nicht gegen Corona. Aber gegen die Langeweile.

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja