Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Falsche Signale"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 13.03.2020 16:40 Uhr

Nr. 772

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders vorausschauend. Mir geht’s da wie den meisten so still im Alltagsmumpf vor sich hin lebenden Zeitgenossen: Stets aufs Neue treffen mich Steuerabgabetermine, Deadlines zur Abgabe irgendwelcher Texte, der Geburtstag der Mutter oder auch das Weihnachtsfest mit völlig überraschender Wucht. Auch die reichlich angebotenen Hilfsmittel gegen diese Unfähigkeit laufen bei mir ins Leere. Mehrere Bände Ratgeberliteratur stauben in abgelegenen Bereichen meiner Regalwand ungelesen vor sich hin – von „Arsch hoch, du Faulpelz“ bis „Zeitmanagement in 30 Minuten“. Man kommt halt nicht zum Lesen.

Ich nutze natürlich auch eine Vielzahl von Software-Planern, elektronischen To-Do-Listen und Projektstrukturierungs-Programmen. Ein befriedigendes Gefühl, wenn man dort alles eingetragen, nach Wichtigkeit sortiert, farblich markiert und mit Daten zur Erledigung versehen hat! Um es dann Wochen später per schamhaftem Tastendruck in den elektronischen Papierkorb zu befördern, der das eigene Versagen mit seinem hämischen Rascheln begleitet.

Ein Geräusch, das eigentlich in Behörden, Ministerien und dem Kanzleramt in Orkanstärke durch die Flure und aus den Fenstern tosen müsste. Wo man ja auch in schönster Regelmäßigkeit vollkommen überrascht vor katastrophalen Ereignissen steht. Jetzt haben sie es rausgekriegt: An Grundschulen fällt bis zu 80 % des Musikunterrichts aus – oder die Kinder piepsen unter fachfremder Anleitung so lange auf ihren Blockflöten herum, bis sie für alle Zeiten für jeglichen Musikgenuss verdorben sind. Ist es denn wahr? Ja, aber hätte man vor zehn Jahren auch schon sehen können. Überhaupt, der Lehrermangel. Jedes Jahr guckt man wieder fassungslos auf die Zahlen. Obwohl ein in diesem Jahr geborenes Kind mit großer Wahrscheinlichkeit sechs Jahre später einen Lehrer oder eine Lehrerin braucht. Aber sechs Jahre im Voraus? Corona? Wer hätte ahnen können, dass sich auf einmal Seuchen weltweit verbreiten? Jeder, nach den Erfahrungen der letzten Virenausbrüche – aber leise raschelt der Papierkorb.

Und die Flüchtlinge. Wo kommen die plötzlich her? Und warum gibt es immer noch keine Pläne und Strukturen, wie man mit diesen Menschen rechtsstaatlich umgehen könnte? An dieser Stelle haut es dem hinkenden Vergleich mit meiner insgesamt doch eher harmlosen Aufschieberitis endgültig beide Beine weg: Weil es dieses Problem bei uns nicht einmal bis in irgendeinen politischen Terminkalender geschafft hat. Und das aus gutem Grund, so ist zu hören: Die Vorbereitung auf einen nächsten zu erwartenden Andrang von Geflüchteten hätte ein „falsches Signal“ bedeutet. Wer sich vorbereitet, lässt erkennen, dass er gegebenenfalls auch bereit wäre, Flüchtende aufzunehmen. Also hat man seit 2015 da lieber nichts unternommen.

Das Problem war ja schön aufgeräumt, die Menschen weit weg von uns in Lagern in der Türkei und Griechenland gut, das heißt: weitgehend unsichtbar, aufgehoben. Also: Augen zu und weg waren die Flüchtlinge. Wie es in Lagern wie Moira auf Lesbos zuging - schon nach drei Jahren um das Vierfache überbelegt, zu wenig Wasser, kaum Strom, Gesundheitsversorgung und Hygiene katastrophal – das sollte gefälligst das kaputtstrukturierte Griechenland lösen. Und die Grenze dichthalten – notfalls mit Tränengas und Schüssen.

“Ordnung und Humanität“ verlangt jetzt Herr Seehofer. Meine Nachbarin Barscheck sagt da: Wenn jetzt halt beides zusammen offenbar nicht zu machen ist, dann halt erstmal Humanität. Und dafür sind ein paar hundert von 5000 kranken Kindern nicht genug. Findet Barscheck. Und ich auch.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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