Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Viren aller Art"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 06.03.2020 16:40 Uhr

Nr. 771

Nicht dass Sie denken, ich dächte nicht an Ihren Schutz. Sie wissen schon, wegen des Virus. Also Corona. Sie können unbesorgt zuhören. Selbstverständlich sitze ich mit Mundschutz vor der Tastatur. Hilft nichts, es sei denn, der Lappen wird von Infizierten getragen, aber es sieht sehr wichtig aus. Natürlich huste ich beim Schreiben dieses Textes auch stets in die Armbeuge. Ich leide gar nicht unter Husten, tue es aber trotzdem. Ferner stehe ich alle zehn Minuten vom Schreibtisch auf und wasche mir die Hände. Und zwar richtig – zum Glück gibt es da einige you-tube-videos.

Mehr kann ich nicht für Sie tun, nachdem sich herausgestellt hat, dass weder der beherzte Biss in eine Knoblauchknolle noch das Einatmen von Feuerwerks-Rauch oder leckeres Sesamöl irgendeinen Einfluss auf das Infektionsrisiko hat. Und leider haben sich auch Internetempfehlungen wie Alkohol, Cannabis oder Kokain als fakes erwiesen. Schade.

Meine Nachbarin Barscheck und ich halten seit einer Woche strikt die empfohlenen zwei Meter Mindestabstand ein – gar nicht so einfach da in einem üblichen Wohnungsflur noch aneinander vorbei zu kommen. Hier macht sich endlich Barschecks jahrelanges Yoga-Training positiv bemerkbar. Und die Infodemie rollt weiter, also jene hochansteckende, sich unkontrolliert ausbreitende Verseuchung der Republik mit blödsinnigen Empfehlungen. Warum sonst kaufen Menschen an einem einzigen Wochenende die Regale mit Klopapier und Nudeln leer? Beides Dinge, die zum weitaus größten Teil aus heimischer Produktion stammen, nicht aus China oder Vietnam. Ein Lieferengpass ist so gut wie ausgeschlossen. Und wenn Sie schon 14 Tage in häuslicher Quarantäne verbringen müssen – kochen Sie doch lieber was Anständiges, Sie haben dann doch endlich mal Zeit dafür.

Mir jedenfalls bereitet mehr Sorgen, dass für Ärzte und Klinikpersonal so langsam die Schutzausrüstung knapp wird. Da sagt der nordrheinwestfälische Gesundheitsminister Laumann, es sei eine Schande, dass deutsche Kliniken sich da nicht genügend Vorräte eingelagert hätten. Je nun, nachdem man über Jahre das Gesundheitswesen auf Effizienz und Sparsamkeit getrimmt hat, muss einen das nicht wirklich wundern. Da bestellt man halt lieber just in time, wenn das Zeug gerade gebraucht wird. Wenn die Bestellung aber dann grade zur Unzeit kommt, dann wird eben just nix geliefert.

Und wenn der Rest vom zusammengesparten Personal sich dann infiziert hat oder auch nur als Kontaktperson in Quarantäne müsste, dann "lockert" man eben die Richtlinien des Robert-Koch-Institutes ein wenig und lässt den Betrieb weiterlaufen. Muss ja - "Damit Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte handlungsfähig bleiben", verkündete der Landrat im Kreis Heinsberg. Dass das knappe Personal etwas mit der Sparpolitik zu tun haben könnte, will man da nicht hören.

Zudem grassiert seit etlichen Jahren noch eine ganz andere Seuche im Lande: Die zunehmende Privatisierung des Gesundheitswesens. Das Geschäftsmodell der „Private-Equity-Unternehmen“ sieht bekanntlich vor, sich ebenso wie in Alten- und Pflegeheimen in Kliniken und Medizinische Versorgungszentren einzukaufen, die dann auf Effizienz und möglichst hohe Gewinne zu bürsten und schließlich profitabel wieder zu verhökern. Die erzielten Gewinne wandern gerne ins Ausland, am besten in irgendwelche Steueroasen wie die Cayman-Islands. Klar, dass dafür am Personal zuerst geknapst wird. Jetzt zeigt unser Gesundheitswesen halt zunehmend Symptome. Heilung unwahrscheinlich. Wir können dann zumindest unser eigenes Klopapier mit in die Klinik bringen. Und: Händewaschen nicht vergessen!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja