Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Pfeifen und Krächzen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 28.02.2020 16:40 Uhr

Nr. 770

Nicht dass Sie denken, ich fände schlechte Nachrichten gut. Aber natürlich ist es unsinnig, den Überbringer einer solchen zu bestrafen. "Don't shoot the messenger" - erschießen Sie nicht den Boten. Abgesehen davon, dass man grundsätzlich niemanden erschießen sollte – man müsste ja täglich ganze Redaktionen exekutieren, denn die sogenannten "schlechten Nachrichten" überwiegen ja doch deutlich in der Nachrichtenflut.

Tatsächlich sind Unglücksboten ziemlich unbeliebt. In Experimenten hat sich gezeigt, dass Menschen die Überbringer schlechter Nachrichten für unsympathische Zeitgenossen halten, auch wenn sie für den Inhalt überhaupt nicht verantwortlich sind. So sind wir halt – gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergeblich. Der Legende zufolge stammt die Angewohnheit der Botenbestrafung sogar von einem solchen Gott:

Apollon hatte eine seiner Liebschaften, die schöne Koronis, geschwängert und, da er selbst anderweitig zu tun hatte, der künftigen Mutter seines Kindes einen wunderschönen weißen Singvogel als Bewacher zugeteilt. Die junge Frau allerdings ging fremd – und der Vogel hatte nichts Besseres zu tun, als dies seinem göttlichen Herrchen zu melden. Worauf der sauer wurde und dem unschuldigen Pfeifer ein schwarzes Gefieder sowie eine krächzende Stimme verpasste. Deswegen trägt der tierische whistleblower auch heute den Namen der treulosen Göttergeliebten – corvus corone, zu Deutsch: Rabenkrähe.

Der bekannteste whistleblower der neueren Zeit, Julian Assange, sitzt mit ziemlich zerrupftem Gefieder seit gut zehn Monaten in London im Käfig. Und steht jetzt vor Gericht, weil ihn die USA wegen Spionage gerne ausgeliefert hätten – 175 Jahre Knast drohen dem Wikileaks-Gründer dort. Wir erinnern uns: Dank wikileaks haben wir von Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak und in Afghanistan, von den weltweiten Abhöraktionen der NSA und von fragwürdigen mails der Demokraten und Hilary Clinton erfahren. Letzteres hat Donald Trump zu dem begeisterten Ausruf "I love wikipedia!" gebracht. Das war 2016.

Inzwischen ist seine Begeisterung deutlich abgeflaut, anlässlich von Assanges Verhaftung in London im letzten Jahr teilte er nur mit: "Ich weiß nichts darüber. Das beschäftigt mich nicht". Schon allein der Fakt, dass der größte Präsident aller Zeiten eingesteht, irgendetwas nicht zu wissen, lässt aufhorchen. Und noch mehr die Nachricht, dass Chelsea Mannings, deren geheime Informationen Wikileaks damals veröffentlicht hat, nun auch wieder eingebuchtet wurde, weil sie nicht bereit war, gegen Assange auszusagen. Und wie der Richter sagte, soll sie so lange in Haft bleiben, bis sie sich anders entscheide. Da kommen einem doch Zweifel, ob Assange in USA wirklich ein fairer Prozess bevorstünde.

Aber da ist ja eben die Geschichte mit dem Boten... Es ist halt doch einfacher, den hinter Gitter zu setzen, bevor die überbrachte Nachricht nochmal ans Licht gezerrt wird – schließlich ist für die aufgedeckten Kriegsverbrechen noch niemand zur Rechenschaft gezogen worden. Man muss Herrn Assange nicht unbedingt mögen, meine Nachbarin Barscheck findet ihn auch eitel und überheblich, aber das sind keine Straftatbestände. Barscheck mag auch Krähen nicht, trotzdem sind die seltsamen Vögel nützlich. Und überdies ziemlich schlau. Ob sie nun melodisch pfeifen oder unangenehm krächzen – statt zur Schrotflinte zu greifen sollte man ihnen lieber zuhören. Auch wenn's den Ohren wehtut.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 28.02.2020 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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