Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Lotterie im Hühnerhof"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.02.2020 15:40 Uhr

Nr. 768

Nicht dass Sie denken, ich sei besonders schadenfroh. Aber ich gebe zu, dass ich in den letzten Tagen schon mal mit einem guten Glas Rotwein in der Hand vor dem Fernseher gesessen und zugeschaut habe, wie sich die CDU im Nachbeben der Thüringer Damm-, Tabu- und sonstigen Brüche selbst zerlegt. Ehrlich: Dagegen war das berühmte Video von Rezo ein Klacks, um nicht zu sagen ein Vogelschiss. Jetzt gibt’s "Die Zerstörung der CDU" als hausgemachtes Live-Spektakel.

Es hat schon einen gewissen Unterhaltungswert, wenn sich bei Anne Will Peter Altmaier und FDP-Rabauke Kubicki einen Wettlauf um den nächsten Fettnapf liefern um dann am Ende beide darin zu landen. Und das war noch bevor AKK alle Handtücher geworfen hatte – außer dem des Verteidigungsministeriums, um wenigstens noch die letzte Blöße bedeckt zu halten. Seitdem macht das Gerenne und Gescharre der kopflosen Union, die jetzt auch noch führungslos geworden ist, jedem freilaufenden Hühnerhof Konkurrenz.

Die Vakanz an der Spitze muss dringend neu besetzt werden – und ja, so wie's aussieht, wird’s wohl diesmal wieder ein Hahn sein, der den Hühnerhaufen zur Räson bringen und die Eierproduktion wieder ankurbeln soll. Denn, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt sind nur Gockel auszumachen, die für die große Aufgabe zur Verfügung krähen: Friedrich Merz, der düstere Wiedergänger der Politik, den man sich jederzeit gut vorstellen könnte, wie er im nachtschwarzen Umhang hinter einem wehenden Vorhang des Kanzleramtes hervortritt, um seine spitzen Zähne in den Sozialstaat zu schlagen. Die Hartz IV-Sätze runter, der Kündigungsschutz weg und das Renteneintrittsalter rauf! Als Angehöriger der "gehobenen Mittelschicht" mit zwei Privatflugzeugen, Immobilie am Tegernsee und einem Jahreseinkommen von einer Million Euro – brutto! - weiß er, wie man mit knapper Kasse überlebt.

Nebenan plustert Jens Spahn das Gefieder, der bislang als einziger selbst verkündet hat, "Verantwortung übernehmen" zu wollen. Was nicht weiter verwundert, er hat ja schon lange den Zeigefinger oben, wenn's um höhere Posten geht.

Als dritter im Bunde gilt Armin Laschet, immerhin schon Chefhahn im NRW-Gehege und strammer Konservativer – gegen Homo-Ehe, aktiver Katholik und Freund der Sarrazin-Schriften. Und seit Kurzem auch noch Ordensträger wider den tierischen Ernst. Mehr ham wir nicht.

Die ZEIT ruft die Junge Union ja schon dazu auf, einen "konservativen Kevin Kühnert" in ihren Reihen zu suchen! Da gibt’s ja wohl nur einen, der in Frage kommt: Philipp Amthor! Jung an Jahren, alt im Kopf, frisch zum Katholizismus konvertiert und seit letztem Jahr auch noch stolzer Besitzer eines Jagdscheins: Nach vielen Böcken hat er nun auch seinen ersten Hirsch geschossen. Der Tagesspiegel sieht in dem Scheinjugendlichen schon "die CDU von morgen", also nicht bis übermorgen warten – Philipp muss in die große Lostrommel mit den Vorsitzenden- und Kanzlerkandidatskärtchen!

Wie lange sich die CDU dann Zeit nimmt, das Ding zu drehen, darüber wird noch viel Gegacker und Flügelschlagen ins Land gehen. Und in Thüringen muss ja auch noch irgendwas gewählt werden. Meine Nachbarin Barscheck, seit vielen Jahren hartnäckige Lotto-Spielerin, die entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeit Woche für Woche dem Hauptgewinn entgegenfiebert, kann der Unions-Lotterie nichts abgewinnen. Wenn nur Nieten in der Trommel sind, meint sie, lohnt das Spiel nicht.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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