Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Pferde im Kopf"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 31.01.2020 15:40 Uhr

Nr. 766

Nicht dass Sie denken, ich interessierte mich besonders für den Terminkalender von Andreas Scheuer. Es ist mir ebenso egal, wann, wie oft und wo er zum Friseur geht oder seine Anzüge kauft wie es mir wurscht ist, wo sich Peter Altmaier die zum Erhalt seiner Statur erforderlichen Kalorien besorgt. Sein Gewicht jedenfalls hat der Saarländer der WELT gegenüber schon mal zum "Staatsgeheimnis" erklärt. Auch damit kann ich gut leben.

Kürzlich allerdings haben die Grünen sich per kleiner Anfrage Andys Terminplaner mal aufklappen lassen und siehe: Der verkehrswendige Minister hatte im vergangenen Jahr elf Verabredungen mit Auto-Lobbyisten - aber keinen einzigen mit einem Umweltverband. Das ist schon interessant – wenn auch nicht überraschend: Im Jahr davor waren es 15 Termine mit den PS-Managern und ebenfalls null mit Umweltverbänden. Man muss halt Prioritäten setzen.

Und wer wollte es dem Andy verdenken, dass er sich nicht auch noch mit den ewigen Umweltnörglern herumstreiten will, gerade jetzt, wo ihn sogar seine bislang zuverlässigen Buddies vom ADAC im sauren Regen stehen lassen: Nach einer Mitgliederbefragung verkündete der Autofahrer-Club, dass er nicht mehr beim absoluten "Nein" gegen ein Tempolimit bleiben wolle. Genau das, wovon der Andy schon immer gesagt hat, dass es "gegen jeden Menschenverstand" sei.

Wobei der ja nicht immer unbedingt im Kopf sitzen muss. Kann auch schon mal der Gasfuß sein. Schließlich sind es immer mehr Pferde geworden, die unter den Motorhauben in Deutschland toben: Im Schnitt bringt ein Neuwagen heutzutage 153 PS zum Galoppieren, vor zehn Jahren waren das noch 130 und vor zwanzig Jahren schleppte man sich mit durchschnittlich 100 PS über die Straßen. Schlimme Zeiten, an die der heutige SUV-Fahrer mit seinen durchschnittlich 170 Pferdestärken gar nicht mehr denken will.

Auf jeden Fall ist doch dem Menschenverstand da klar, dass der stolze Rennstallbesitzer seinen Pferdchen auch mal den entsprechenden Auslauf gönnen will. Gut also, dass es auf fast dreiviertel unserer Autobahnstrecken keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Sagt einem doch der gesunde Menschenverstand. Der wird ja immer gerne bemüht, wenn einer keine Lust hat, sich mit komplizierten Fakten zu beschäftigen. Und sagt dann halt dem Andy, dass die Leute die schönen starken deutschen Autos nicht mehr kaufen werden, wenn sie damit nur noch 130 fahren dürfen. Nur: Warum fahren dann die Amis bei Tempolimits um 100 bis 120 km/h trotzdem gerne die PS-Monster?

Der Menschenverstand freut sich auch über die Tatsache, dass 60 Prozent aller deutschen Autofahrer sowieso nicht schneller als 130 km/h fahren. Glückwunsch – aber die 25 Prozent, die schneller als 140 fahren, sind halt das Problem. Vor allem, wenn sie den anderen 60 Prozent auf der Stoßstange kleben oder nach der verpassten Kurve entgegenfliegen. 180 tödliche Autobahnunfälle passierten 2017 wegen zu hoher Geschwindigkeit.

Meine Nachbarin Barscheck hat übrigens vollstes Verständnis für die frustrierten Geschwindigkeits-Junkies. Auch sie findet, dass wer will auch rasen dürfen muss. Nur halt nicht auf öffentlichen Straßen. Dafür gibt es ja auch für den Privatmann zugängliche Rennstrecken in unserem Land. Eine Runde Nürburgring mit dem eigenen Auto kostet gerade mal 27 Euro – 20 km/h zu schnell auf der Autobahn kosten mehr. Also Jungs, ab auf die Piste!

Und Andy Scheuer sollte sich vielleicht doch mal mit den Umweltschützern zusammensetzen. Die erklären ihm all das komplizierte Zeug, das sein Menschenverstand bisher nicht gerafft hat. Irgendein Plätzchen im Terminkalender wird er dafür schon noch finden.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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