Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

„Tot oder lebendig“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 17.01.2020 15:40 Uhr

Nr. 764

Nicht dass Sie denken, ich freute mich nicht über Geschenke. Zumindest freue ich mich darüber, dass jemand mir etwas schenkt. Das ist ja im Regelfall freundlich gemeint. Gelegentlich aber geraten so Gegenstände in mein Umfeld, die ich dort doch lieber nicht sähe. Der gefräßige Sauerteig namens „Hermann“ beispielsweise, der sich seit den 70er Jahren immer wieder in unseren Kühlschränken einnistet. Man muss die übel riechende Pampe regelmäßig hätscheln und füttern, sonst stirbt „Hermann“, und man muss fürderhin mit der Schuld an seinem Tod leben.

Andere Gaben entwickeln erst nach einigen Jahren unauffälligen Herumliegens oder- stehens ihre alltagszerstörende Kraft. Gut möglich, dass ich mich dereinst sogar von Nachbarin Barschecks selbst gehäkeltem mouse-pad trennen werde. Die meisten SchenkerInnen kommen auch damit zurecht, dass ihre Gaben gelegentlich verkauft, entsorgt oder weiter verschenkt werden.

Wie beinahe alles wird aber auch der Umgang mit Geschenken problematisch, sobald Religiöses ins Spiel kommt. Unser Leben, beispielsweise, ist gar nicht das unsere, behaupten die Kirchen. Weil es uns von Gott geschenkt wurde. Und deswegen darf – anders als Tante Agathe über den geschenkten Plastikhirsch - auch nur ER darüber bestimmen, was wir damit tun. Es ist uns zum Beispiel nicht gestattet, dieses Leben aus eigener Entscheidung zu beenden.

Nun gibt es aber durchaus Menschen im Land, immerhin etwa ein Drittel, die entweder gar nicht an einen Gott glauben oder zumindest ihr Leben nicht als dessen persönliches Geschenk begreifen. Schon gar nicht als eines, über das der Schenker weiterhin zu entscheiden hätte. Und deshalb das  Recht einfordern, zum Beispiel im Falle einer unheilbaren, qualvollen Krankheit, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden. In diesem Zusammenhang hat schon 2017 das Bundesverwaltungsgericht letztinstanzlich entschieden, dass diesen Menschen "in extremen Ausnahmesituationen" der Zugang zu Medikamenten zur Selbsttötung nicht verwehrt werden dürfe. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte muss Anträge auf Herausgabe eines solchen Medikamentes im Einzelfall prüfen und dann entscheiden.

Bis Ende des vergangenen Jahres sind etwas über 100 solcher Gesuche dort eingegangen und werden geprüft. Allerdings mit feststehendem Ausgang: Sie werden abgelehnt. Weil nämlich der Bundesgesundheitsminister das so angewiesen hat. Es könne nicht Aufgabe des Staates sein, Selbsttötungshandlungen durch die behördliche Erlaubnis zum Erwerb eines Suizidmittels aktiv zu unterstützen, sagt er.

Ja, doch, genau damit hat das Gerichtsurteil den Staat beauftragt. Verbindlich steht im Urteil: „Eine Pflicht zum Weiterleben gegen den eigenen Willen darf der Staat schwer und unheilbar kranken, aber zur Selbstbestimmung fähigen Menschen nicht auferlegen.“ Tut Minister Spahn aber, aus Gewissensgründen, und lässt obendrein die verzweifelten Kranken noch monatelang Gutachten und Stellungnahmen beibringen und bezahlen für eine Prüfung, deren Ergebnis er bereits verfügt hat. Das ist nicht nur rechtswidrig, sondern auch gnadenlos und grausam.

Inzwischen sind bereits 24 der Antragsteller gestorben, unter genau den qualvollen Umständen, die sie zu vermeiden gehofft hatten. Mag ja sein, dass Herrn Spahns katholisches Gewissen es ihm verbietet, seinen Job rechtsgemäß auszuüben. Dann könnte er – aus Gewissensgründen – das ihm von uns Wählern geschenkte Amt einfach ablehnen. Wir hätten Verständnis.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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