Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

„Wer, wie, was?“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Dienstag 10.01.2020 15:40 Uhr

Nr. 763

Nicht dass Sie denken, ich hätte kein Verständnis für Menschen, die den Jahres-, ja in diesem Falle sogar den Jahrzehntwechsel, zum Aufräumen nutzen möchten. Ist ja keine schlechte Idee, sich zu so einem Anlass mal umzugucken, was alles so rumliegt, sich anhäuft, stapelt, türmt, im Weg liegt und den Blick verstellt. Ich gebe zu, dass ich in dieser Hinsicht nicht gerade die Speerspitze der Bewegung bin, aber meine Nachbarin Barscheck hat sich unmittelbar nach Abklingen der letzten Sylvester- und Neujahrsfolgen daran gemacht, den angehäuften Ballast der zehner Jahre großzügig zu lichten.

Stapel von Schallplatten, Papieren, Büchern, Kleidungsstücken, Kabeln unbekannter Herkunft und Bestimmung wandern seit Tagen aus ihrer Wohnung auf den Treppenabsatz und von dort zu Containern, Abfalltonnen, Wertstoffhöfen oder mehr oder weniger dankbaren AbnehmerInnen der Altlasten. Frage nicht, ob oder wofür du dies oder das noch einmal brauchen könntest – frage dich nur, ob du es in den letzten zwei Jahren jemals gebraucht hast! Wer zu viel fragt, schmeißt zu wenig weg.

Dass zu viele Fragen mit der Zeit lästig werden, zumal, wenn die Antworten immer mehr Zeit verschlingen, die man doch dringend für Wichtigeres, oder zumindest Anderes benötigt, hat jetzt auch unsere Bundesregierung festgestellt. Allein in der bisherigen halben Legislaturperiode haben sich über 4000 sogenannte "Kleine Anfragen" der Oppositionsparteien bei ihr angehäuft. Das ist mehr, als in der gesamten letzten Legislatur. Und das nervt, weswegen der Staatsminister der Kanzlerin die eifrigen Fingerschnipser der Parlamentsminderheit jetzt aufgefordert hat, das doch bitte einzuschränken. Diese ständige Erklärerei, wer was, wann und warum in der Regierung getan oder gelassen hat, stört offenbar massiv beim Tun oder Lassen. Wodurch es ja dann auch wieder weniger zu fragen geben würde, was ja... äh... dann auch nicht im Sinne der Opposition... bzw. der Frager... Also, ich hätte da noch eine. Frage, mein ich.

Hatte das nicht einen guten Grund, warum das Verfahren der "Kleinen Anfragen" so eingerichtet wurde? Nämlich damit die Minderheiten im Bundestag, also die Opposition, die Fakten, Hintergründe, Begründungen und Zahlen, die die Regierung nicht von selbst kundtut, erfahren können? Das hat 2009 noch einmal das Bundesverfassungsgericht sehr deutlich gemacht. "Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm". Das hat meine und die folgenden Generationen doch mit der Fernsehmuttermilch eingesogen. Seit nunmehr 50 Jahren.

Gut, es gab schon beim Start weit vorausschauende Institutionen, die ahnten, worauf das raus laufen könnte: Der Bayerische Rundfunk wehrte sich damals vehement gegen die Sesamstraße im ersten Programm, der Lehrerverband in Bayern sah Ernie und Bert als "ein Werbe-, Drill- und Überredungsprogramm". Tja, hat funktioniert.

Wir fragen. Und nicht nur das: Wenn uns jemand das Fragen verbieten will, haben wir auch – Ernie sei Dank -  immer gleich den Verdacht, dass der nur nicht antworten will. Oder - genau, Bert! - nicht kann! Ist auch nicht so schlimm, dass du, liebe Bundesregierung, jetzt sogar noch zusätzliches Personal einstellen musstest, um die Fragen deiner Abgeordneten zu beantworten. Hilft dem Ansehen der Demokratie im Volke bestimmt mehr, als all die BeraterInnen des Verteidigungs- und Innenministeriums, die wir ja auch bezahlt haben.

Ist vielleicht sogar deutlich billiger. Müsste man eigentlich mal erfragen. Das Fragen zu verbieten, sagt meine Nachbarin, ist jedenfalls 'ne blöde Antwort.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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