Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Omas Motorrad"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Dienstag 03.01.2020 15:40 Uhr

Nr. 762

Nicht dass Sie denken, ich freute mich nicht, wenn Satire mal Wirkung zeigt. Eigentlich bin ich da eher skeptisch – die Erfahrung spricht nicht dafür, dass das Publikum geläutert aus einer Kabarettvorstellung nach Hause geht. Und umgehend den SUV verkauft, die gebuchte Kreuzfahrt storniert, nur noch einmal in der Woche Fleisch isst und Freitags mit den Kindern zur Demo geht. Öffentliche Aufregung klappt aber anscheinend doch ganz gut.

Da reicht eine eher harmlose Umtextung eines alten Kinderliedes, dass nicht nur ein shitstorm im Netz losbricht, sondern sich MinisterpräsidentLaschet zu Wort meldet, ebenso wie die CSU, und natürlich zeigen sich einzelne Politiker, sogar von den Grünen, umgehend per twitter empört. Inzwischen gibt es Morddrohungen gegen Mitarbeiter des WDR und Demonstrationen vor dem WDR-Gebäude. Wo man allerdings weniger Vertreterinnen der angeblich zutiefst beleidigten „Omas“ sah, dafür aber mehrere Lederjacken mit der Aufschrift „Bruderschaft Deutschland“, einer vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften Vereinigung. Experten meinen ohnehin, dass die ganze Empörung zumindest zunächst einmal von rechten Netzwerken ausging, die wohl weniger die Verteidigung der Omas im Lande als die Schmähung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Sinn hatten.

Aber werfen wir doch mal einen Blick auf den Stein des Anstoßes. „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, das sind 1000 Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ne alte Umweltsau“ sang da sichtlich vergnügt ein Kinderchor. Je nun – wer im Hühnerstall Motorrad fahren will muss wohl zum einen eine Groß-Hühnerzucht besitzen – an sich schon umwelt-bedenklich – und zweitens keinerlei Problem damit haben, völlig unsinnig Abgase in die Luft zu blasen.

Die Lied-Oma kommt auch schon im Originaltext nicht besonders gut weg – sie benutzt einen Nachttopf mit Beleuchtung, hat selbst an ihrem Kochtopf ein Lenkrad montiert und trägt im Strumpfband einen Revolver bei sich. Die angeblich so empörende Neutextung folgt also nur den absurden Beschreibungen der Oma und hat sie ein bisschen aktualisiert. Seit den sechziger Jahren wurde das Lied von Kindern immer wieder mit Begeisterung gesungen, neue Strophen kamen hinzu, und das gerade wegen der „frechen“ Zeilen über die Respektperson „Oma“.

Im entsprechenden Alter reicht ja schon die Verwendung eines irgendwie „anstößigen Wortes“ um ein Lied oder einen Vers zum Renner zu machen. Die Hits unserer Abzählverse waren: „Caterina Valente, hat nen Po wie ne Ente, hat nen Bauch wie ne Kuh und raus bist du!“ Wobei wir damals nicht Po sagten. Nichts davon traf tatsächlich auf Frau Valente zu und mir ist auch nicht bekannt, dass sie sich darüber öffentlich empört hätte.

Auch der Reim „Drei Polizisten pissten in die Kisten, einer pisst vorbei und du bist frei“ wurde gern genutzt. In diesem Fall konnte ich den Text aus Gründen des Reimes leider nicht entschärfen. Lyrik vor Wohlanständigkeit! Jedenfalls aber ging es uns nicht darum, die Ordnungshüter zu schmähen. Jeder Text mit „Pipikacka“ wäre uns willkommen gewesen.

Also, liebe Empörer und Empörerinnen, lassen Sie doch bitte die Kirche im Dorf, die Oma auf dem Motorrad und die Satire im Programm. Meine Nachbarin Barscheck empört sich auch, allerdings darüber, dass der WDR-Chef sich sogleich von dem Beitrag distanziert, sich dafür entschuldigt und ihn aus dem Netz genommen hat. Und die Omas mögen sich daran erinnern, wie sie mit ihren Enkeln das alte Lied selbst gesungen haben. Und gegebenfalls im Hühnerstall mal den Tretroller ausprobieren. Auch das Federvieh wird’s danken.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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