Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Happy New Year"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.12.2019 16:20 Uhr

Nr. 760

Nicht dass Sie denken, ich sei ein notorischer Optimist. Allerdings würde ich mich auch nicht vorbehaltlos dem Pessimismus zurechnen. Beides hat seine positiven Seiten. Ein Optimist behauptet, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Der Pessimist fürchtet, dass das wahr sein könnte. Andererseits hat man als Pessimist den Vorteil, entweder ständig recht zu behalten oder angenehm überrascht zu werden. Klassische win-win-Situation, wenn auch eine etwas optimistische Sicht auf den Pessimismus.

Meine Nachbarin Barscheck propagiert in guten Zeiten eine eher pessimistische Denkweise und in schlechteren den Optimismus. Das hält sie für pragmatisch – im ersteren Fall ist sie auf etwaige Rückschläge vorbereitet, in letzterem geht sie zuversichtlich an die Überwindung der Probleme. Klingt gut, allerdings weisen Psychologen darauf hin, dass ein guter Teil unserer Weltsicht genetisch bedingt ist – zumindest mit einem rosaroten Monokel wird man geboren – oder eben nicht. Sollten Sie also beim silvesterlichen Blei-, Wachs- oder Zinngießen noch im formlosesten Klumpen zweifelsfrei ein Kleeblatt oder Glücksschwein erkennen, sind Sie wahrscheinlich genetisch gut ausgestattet.

Oder Sie haben zu viel Ratgeber über positives Denken gelesen. Und gehören zu dem Viertel der Deutschen, die auch für 2020 wieder gute Vorsätze fassen. Auch wenn die Statistik belegt, dass davon die meisten nicht lange eingehalten werden. 52 Prozent der Vorsatzfasser wollten im letzten Jahr mehr Sport treiben, 37 Prozent planten sogar, Veganer zu werden. Ersteres ließ immerhin die Mitgliedschaften in Fitness-Studios ansteigen. Die Zahl der Veganer im Lande dümpelt allerdings bei 1,6 Prozent herum, was dafür spricht, dass die guten Vorsätze schon beim ersten Anblick eines leckeren Steaks vergessen sind.

In Umfragen zum Jahreswechsel zeigt sich allerdings das Volk von seiner optimistischen Seite. Fast 60 Prozent der Befragten glauben zum Beispiel, dass ihre finanzielle Lage im kommenden Jahr gut oder sogar sehr gut sein wird. Allerdings ist nur etwas mehr als die Hälfte der BundesbürgerInnen mit dem Funktionieren unserer Demokratie zufrieden. Und auch das nur im Westen. Der Osten liegt da mit 41 Prozent deutlich drunter – und verspricht sich offenbar häufig ausgerechnet von der AfD Abhilfe. Geld allein macht eben auch nicht unbedingt schlauer.

Und was ist mit der Jugend, die doch traditionell optimistisch in die Zukunft schauen sollte? Tut sie im Allgemeinen auch, schwarz sehen die jungen Menschen allerdings für die "Zukunft der Gesellschaft". Die beurteilen nämlich mehr als die Hälfte als "eher düster", 9 Prozent sogar unumwunden als "düster". Kommt noch dazu, dass der Optimismus mit dem Alter abnimmt – man macht halt so seine Erfahrungen.

Aber mit den Umfragen ist das ja so ähnlich wie mit den Horoskopen – man liest sie, aber glaubt nicht so recht daran. Schon allein deswegen, weil man selbst ja nicht gefragt wurde. Sonst sähe die Sache ganz anders aus. Bestimmt. Ob schlechter oder besser, das liegt dann eben doch wieder am eigenen Optimismus. Oder Pessimismus.

Der Rat unseres Treppenabschnitts lautet jedenfalls: Suchen Sie weiterhin nach den Kleeblättern und Schornsteinfegern im Silvester-Orakel. Und fassen Sie jede Menge guter Vorsätze. Das macht Sie zumindest glücklicher für die Zeit bis Sie sie gebrochen haben. Das ist ja auch schon mal was. Und das nächste Silvester kommt bestimmt. Soviel Optimismus muss sein. Prost Neujahr.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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