Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Erklärungsversuche"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 06.12.2019 16:40 Uhr

Nr. 757

Nicht dass Sie denken, ich könnte mir das alles erklären, was die SPD da gerade veranstaltet. Ich steh komplett im Wald. Also redensartlich gemeint. Für nicht mehr durchblicken. Natürlich nicht im physischen Sinne. Wäre auch kontraproduktiv, da hat man ja meistens kein Netz. Was ich aber dringend brauche, um nicht mehr im Wald zu stehen. Also den Durchblick wieder zu erlangen.

Da haben nun also nach einer anderthalbmonatigen Ländertournee der Kandidaten die SPD-Mitglieder ihre neuen Vorsitzenden gewählt. Nowabo solls nun richten. Oder Eskabo. Nein, das sind nicht zwei verschiedene Teams, sondern nur zwei verschiedene Akronyme. Weil ja Nowabo nur die Hälfte des Teams wäre. Also Eskabo – Saskia Esken und Norbert-Walter Borjans. Olaf Scholz – oder Oscho -  hat's vergeigt. Haribo stand meines Wissens nicht zur Wahl.

Bleibt die spannende Frage, wohin Eskabo denn nun die Partei führen wollen. Gewählt worden sind sie ja eher wegen ihrer kritischen Haltung zur Groko. Also als No-Groko-Team. Kaum gewählt aber, rudert No-Groko-Eskabo mächtig zurück – erstmal gucken, was vielleicht doch noch geht in der Regierung, und Oscho soll ja auch noch mit im Boot bleiben und Regieren ist ja auch nicht soo schlecht. Das dürfte wohl für einige Mitglieder etwas verstörend sein, für die die GroKo schon lange ein NoGo war.

Wie beispielsweise Kevin Kühnert, der Gottseidank kein „o“ im Namen hat, aber schon mal mahnend getwittert hat: „Wer eine Koalition verlässt, gibt einen Teil der Kontrolle aus der Hand.“ Wie bitte? Kevin jetzt doch Pro-GroKo? Ja, nee. Weil er dann noch gleich nachgeschoben hat: „Das relativiert meine Ablehnung zur großen Koalition kein bisschen.“ Hat sich aber schon so ein bisschen angehört, oder? Was für ein Tohuwabo … bohu.

Die Union jedenfalls hat schon mal klar gemacht, dass mit Nachverhandeln nix ist, man habe ja schließlich einen Vertrag. Pacta sunt servanda – Verträge müssen eingehalten werden. Nun ist aber der Koalitionsvertrag gar kein Vertrag sondern heißt eigentlich Koalitionsvereinbarung. Sagen die Juristen. Eher so was wie eine Absichtserklärung. Über die man durchaus nochmal reden könnte. Nur nennt man die Vereinbarung mittlerweile eben gerne „Vertrag“, weil das doch irgendwie viel verbindlicher klingt. Und natürlich wird die Union auch nachverhandeln, um die GroKo zu retten – man wird’s halt irgendwie anders nennen. „Neu-Abgleich“ oder „Zukunftsfähig machen“ oder sowas.

Saskia Esken jedenfalls hält es für möglich, „die Werte der SPD innerhalb eines Jahres mindestens zu verdoppeln“. Auf „dreißig Prozent und vielleicht mehr.“ Das kann ich mir nun wirklich nicht erklären. Meine Nachbarin Barscheck empfiehlt gegen meinen akuten Erklärungsnotstand ja einen Spagalo. Spaziergang. Locker. Am bestem im Wald. Den ich vor lauter Bäumen gar nicht mehr sehe.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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