Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

„Respekt“

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.11.2019 15:40 Uhr

Nr. 755

Nicht dass Sie denken, ich dächte daran, mich demnächst auf die faule Rentnerhaut zu legen. Bevorzugt in irgendeinem der als "Rentnerparadiese" gerne fotografierten Landstriche. Sie wissen schon: Sommer, Sonne, Strand und Meer. Das stärkste Argument dagegen ist die Höhe meiner Rente. Die macht mich zum feuchten Traum aller neoliberalen Demografen. Ich werde arbeiten, bis Hirn oder Hand dermaßen ins Schlottern geraten, dass meiner Tastatur keine sinnvollen Sätze mehr zu entlocken sind.

Kurzfristig habe ich ja auf Herrn Heils "Respektrente" gehofft. Schließlich hätte ich auch da zu den fleischgewordenen Modellberechtigten gehört: 35 Jahre eingezahlt – hab ich. Trotzdem zu wenig Punkte angesammelt? Ja! Leider hat mir dieser Hoffnungsschimmer derart den Blick vernebelt, dass ich die Parteizugehörigkeit des wackeren Arbeitsministers übersehen hatte. Der prompt folgende Kompromiss mit dem Koalitionspartner der Sozen wischte dann Hoffnung und Nebel nachhaltig beiseite. Das Modell "Grundrente mit Einkommensprüfung" lässt mich natürlich außen vor. Weil ich ja arbeite, also Einkommen erziele. Weil halt die Rente so niedrig ist.

Respekt! Das ist eine Art von Logik, auf die man vermutlich nur in nächtelangen Sitzungen bei entsprechendem Schlafentzug kommt. Wie im übrigen auch auf die Idee, die für diese Rumpf-Rentenaufstockung notwendigen Ausgaben zu "kompensieren" durch eine Steuerentlastung für Unternehmen – ohne Bedürftigkeitsprüfung, versteht sich. Das ist wahrlich kühn gedacht: Eine Ausgabenerhöhung durch eine Verringerung der Einnahmen zu "kompensieren" - wo bleibt die vielzitierte "schwäbische Hausfrau", wenn man sie mal wirklich braucht, um den Damen und Herren der Regierung die wirtschaftlichen Grundrechenarten beizubiegen?

Immerhin, die geplante Einkommensprüfung soll "unbürokratisch" funktionieren. Die Finanzämter melden das steuerpflichtige Einkommen der Alten an die Rentenversicherung und die zahlt dann entsprechend – oder eben nicht. Dummerweise muss ein solcher Datenaustausch erstmal eingerichtet werden, und die Rentenversicherung meldet schon mal, dass sie dafür "Tausende neuer Mitarbeiter" braucht.

Da hätte ich einen Vorschlag: Diese Stellen könnte man doch mit Niedrigrentnern und -rentnerinnen besetzen. Die dann gleich dank des dann ja vorhandenen Einkommens selbst aus der Bezugsberechtigung ausscheiden. Trick 17 mit Selbstüberlistung – aber wohl in den noch verbleibenden 14 Monaten bis zur Erstauszahlung der neuen Grundrenten zu schaffen. Und ein schöner Gedanke, dass die Armutsrentner selbst dafür sorgen, dass die Rentenbäume nicht in den Himmel der schwarzen Null wachsen.

Apropos: Wie die Bundesregierung gerade auf eine Anfrage der Linken zugeben musste: Die Steuerbelastung der Rentner hat sich drastisch erhöht. Wer 2010 mit 1500 € Rente in den Ruhestand ging, hat noch 79 Euro Steuern im Jahr bezahlt. Ein heutiger Neurentner drückt dafür  schon 430 Euro ab. Das ist mehr als das Fünffache. Und das ist erst der Anfang: Der respektvoll als "Rentenpapst" gehandelte und von der Regierung in die Rentenkommission berufene Wirtschaftswissenschaftler Börsch-Supan denkt öffentlich an eine weitere Erhöhung des Eintrittsalters bei gleichzeitiger Erhöhung der Beiträge – ohne Arbeitgeberparität – und Absenken des Rentenniveaus um weitere 4 %.

Meine Nachbarin Barscheck jedenfalls hat die „Respektrente“ schon mal zum Unwort des Jahres vorgeschlagen. Ein respektabler Vorschlag, wie ich finde.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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