Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Für das Leben"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.11.2019 15:40 Uhr

Nr. 754

Nicht dass Sie denken, ich wüsste es nicht zu schätzen, wenn sich mal jemand für die Interessen der Männer einsetzt. Auch die empfindsame, vom XY-Chromosomensatz geprägte Seele braucht gelegentlich ein paar ermutigende Streicheleinheiten. Zumal wenn sie sich mit der Nachbarin Barscheck einen Treppenabsatz teilt. Allerdings möchte ich mich auch nicht von jedem streicheln lassen. Die Piusbruderschaft hätte es nun wirklich nicht gerade sein müssen.

In einer Videobotschaft der katholischen Fundamentalisten schwadroniert da ein Priester munter drauflos über den "Unsinn der Gender-Forschung" und daraus resultierende Verweichlichung der männlichen Kinder, dass noch das männlichste Chromosomenpaar zu rappeln beginnt. Mit vor Mitgefühl bibbernder Stimme beklagt der gute Hirte der kleinen Bezipfelten, dass die von genderverwirrten "Kindergärtnerinnen" an so art-ungerechnete Tätigkeiten wie Abwaschen und Saubermachen herangeführt, in ihrer natürlichen Aggression gehemmt und gar zu "Pazifisten" erzogen würden. Die Mädchen dagegen würden längst nicht hinreichend auf ihre gottgewollte Aufgabe, dienende Unterstützerinnen des Mannes zu sein, vorbereitet.

Nun vermuten Sie völlig zu Recht, dass mir die Verlautbarungen dieser Glaubensgemeinschaft für gewöhnlich mit Schwung an dem Körperteil vorbei gehen, den der Herr zum Zwecke des Sitzens geschaffen hat. Leider aber veranstaltet die Bruderschaft dieser Tage wieder, wie alljährlich um diese Jahreszeit, ihren "Marsch für das Leben". Eine irreführende Bezeichnung, denn es geht vorrangig um den "Schutz des ungeborenen Lebens", vulgo contra Abtreibung. Inklusive "Mahnwache" vor den Pro-familia-Räumlichkeiten, wo sie den Sitz des Bösen verorten.

Wir erinnern uns noch gut an die Verteilung von kleinen Plastik-Embryonen in unseren Briefkästen zum Zwecke der Abschreckung. Immerhin, bei aller Widerwärtigkeit: Bei einigen Kindern aus Barschecks Bekanntinnenkreis dienten die kleinen Figürchen noch jahrelang dazu, dramatische Geburtsszenen mit ihren Barbiepuppen zu spielen. Zwar haben die größenmäßigen Proportionen nicht ganz gestimmt, aber die sind bei Barbiepuppen ja auch sonst wenig realitätsnah.

In christlicher Fröhlichkeit gehen die obskuren Brüder auch ziemlich frei mit der Wahrheit um. Vergiss das achte Gebot, es geht schließlich um die gute Sache. Also behaupten sie hartnäckig 1000 Abtreibungen pro Tag in Deutschland – auch wenn es nur ca. 340 sind. Und natürlich sind es "Morde", die da täglich mit gesetzlicher Billigung geschehen, gerne verglichen mit dem Holocaust.

Und auch die "Menschenwürde" wird gerne ins Feld geführt. Nun heißt es aber aus gutem Grunde in Art.1 der Erklärung der Menschenrechte, dass alle Menschen "frei und gleich an Würde und Rechten geboren" seien. Geboren, nicht gezeugt.

Bis zum Jahre 1869 übrigens gingen die Katholen noch von der sogenannten Sukzessiv-Beseelung aus: Erst 40 Tage nach der Empfängnis wurde die Seele geliefert. Bei weiblichen Embryonen – Entschuldigung, Frau Barscheck - erst nach 90 Tagen. Aber so rückwärtsgewandt traditionsbewusst die Pius-Brüder auch sonst sind – in diesem Bereich halten sie sich dann doch lieber an die "modernere" Version der "Simultanbeseelung" von Pius IX. Wie man's halt grad braucht.

Was laut meiner Nachbarin auf nahezu alle religiösen Gruppierungen zutrifft. Aber weil das eine ohnehin so unbeweisbar wie das andere ist, ist's eh wurscht. Allerdings sollte man die seltsamen Brüder nicht gerade wie im Saarland Schulen führen lassen und die dann auch noch staatlich bezuschussen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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