Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"November"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.11.2019 15:40 Uhr

Nr. 753

Nicht dass Sie denken, ich litte unter einem akuten Anfall von SAD. Ausgeschrieben: Seasonal Affective Disorder, vulgo: Novemberdepression. Sie wissen schon: Wenn sich der klimabedingte Hochnebel so langsam in die eigene Birne schleicht und den Blick nach draußen auf die Umwelt in wattiges Grau taucht. Von meiner Nachbarin Barscheck besonders gefürchtet, weil zu den Symptomen „verstärkter Appetit auf Süßigkeiten und Gewichtszunahme“ zählen.

Völlig im Gegensatz zur saisonunabhängigen schlechten Laune, die eher zu Appetitlosigkeit und Abnehmen führt. So gesehen also besser, wenn man die eigene Miesepetrigkeit zu jeder Jahreszeit pflegt. Auf Wikipedia ist zudem zu lesen, dass man so eine Novemberdepression am besten „kausal bekämpft“. Ja, wie denn, wenn der Grund doch die Jahreszeit ist? Kann man schwer abschaffen. Deprimierend.

Da muss sich ja nun die Große Koalition nicht wundern, wenn die Reaktion auf ihr 88 Seiten starkes Selbstlob namens „Halbzeitbilanz“ doch eher, sagen wir mal, etwas unterhalb von Begeisterung ausfällt. Anfang November ist nun mal nicht die beste Zeit, um mit einer Auflistung von Erfolgen vors jahreszeitlich trübsinnige Volk zu treten, und dem dann auch noch vorzuwerfen, dass es die glanzvolle Arbeit der Regierenden einfach nicht sehen will. Mal abgesehen davon, dass selbst ausgestellte Zeugnisse immer ein bisschen fragwürdig sind – was heißt hier eigentlich „Erfolg“?

Die Groko versteht darunter Versprechen aus dem Koalitionsvertrag, die inzwischen umgesetzt, in Arbeit, teilweise angeschoben oder durch Einzeichnen in irgendeine road-map quasi schon mal irgendwie auf den Weg gebracht sind. Unabhängig von dem, was dabei herausgekommen ist. Selbst nach einem beherzten Griff in die nächstgelegene Tüte mit Lakritzkonfekt oder dem tafelweisen Mampfen von Schokolade fällt es schwer, beispielsweise das Klimapaket als „Erfolg“ zu sehen. Oder die Verkehrs-, Energie- und sonstige Wenden. Es reicht halt nicht, wenn das laut Merkel „arbeitswillige und arbeitsfähige“ Kabinett fleißig Häkchen an die Koalitions-To-Do-Liste macht, es wäre schon irgendwie gut, wenn die beschlossenen Maßnahmen auch irgendwelche Wirkungen in die angestrebte Richtung zeitigten.

Ist ja schön, wenn man nun Elektromobilität allenthalben fördert. Aber wenn dann per Kaufprämie angeschaffte batteriegetriebene SUVs unsere Innenstädte verstopfen, ist das auch nicht wirklich ein Erfolg. Ebenso, wenn man per Preissenkung Millionen neuer Fahrgäste auf die Bahn bringen will, aber leider nicht genügend Züge hat, um die dann auch zu befördern. Oder eine CO2-Bepreisung ansetzt, deren Höhe selbst der Industrie nur ein müdes Lächeln entlockt. Geschweige denn irgendeine Lenkungswirkung an der Zapfsäule entfaltet.

Gut, der Grund für die demonstrativ gutgelaunt vorgestellte Halbzeitbilanz ist ja vor allem die Vermeidung von Neuwahlen nach einem eventuellen Bruch der Koalition. Die will ja – außer der AfD vielleicht – zur Zeit niemand. Allein die Vorstellung der dann noch möglichen Zusammenstellungen von Kenia- bis Bahama-Koalition lässt bunte Punkte vor den Augen der Regierenden tanzen. Also Augen zu und durch. Durch die nächsten zwei Jahre Merkel und Scholz, den man sich inzwischen ja auch sehr gut im blauen Hosenanzug vorstellen könnte.

Aber vielleicht seh ich wieder einmal alles zu schwarz. Oder grau. Ist halt November. Und das Lakritz ist auch schon wieder alle.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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