Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Länger, schneller, breiter"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.11.2019 08:20 Uhr

Nr. 752

Nicht dass Sie denken, ich sei ein hoffnungsloser Technik-Freak. Einer, der bei jeder Neuerung sofort in Begeisterung verfällt und „Haben! Haben!“- schreit. Aber wenn es denn mal bahnbrechende  Ergebnisse deutscher Ingenieurskunst zu bejubeln gilt, will ich nicht hintanstehen.

Porsche beispielsweise feiert seinen neuen Elektro-Renner, der's zwanzig Mal hintereinander kann! Nämlich von 0 auf 200 km/h beschleunigen. Ohne langsamer zu werden! Vergleichbare Modelle anderer Hersteller verlieren bei dieser unverzichtbaren Königsdisziplin auf deutschen Straßen bereits nach zehnmaliger Wiederholung eine ganze Sekunde! Wer will denn sowas? Schön zu wissen, dass der emissionsfreie Raser endlich keine Triebbeschränkungen mehr hinnehmen muss.

Aber auch unsere Renommee- Fahrzeugschmiede – die mit dem Stern – hat rechtzeitig zum Fest der Liebe und des Schenkens seinen neuen GLS-SUV angekündigt. Länger und breiter als die Konkurrenz. So breit, dass das Ding nicht in eine übliche Waschstraße passen würde. Also haben die listigen Schwaben eine Weltneuheit ausgetüftelt: Den Waschstraßenschalter, bei dessen Betätigung die Räder des Riesen brav O-Beine machen, also nach innen wegknicken und so die Einfahrt ermöglichen. Hammer! Und welch eine schöne Geste, dass sich so ein Luxusgefährt geradezu demütig beugt, um die für uns Normalsterbliche bemessene Bürstenstraße zu nutzen. Statt von der Regierung den umgehenden Bau größerer Waschstraßen zu fordern. Andy Scheuer hätte vermutlich sofort gehandelt.

Doch, da bin ich sicher. Schließlich ist unsere Regierung ja auch sonst gerne behilflich. Noch bis ins Jahr 2031 beispielsweise behandelt sie einen Stadtpanzer wie den BMW X5 mit seinen 3,15 Tonnen und dem schluckfreudigen Sechs-Zylinder-Benziner wie ein reines Elektroauto – wenn der Hersteller dem Ding noch ein zusätzliches Elektromotörchen spendiert. Wenn Ihr neuer SUV auch noch eine Ladefläche dran hat, dann fördern unsere Klimaexperten von der GroKo das mit runden 80% Steuerersparnis. Warum, weiß ich auch nicht, hat aber wahrscheinlich irgendwas mit Arbeitsplätzen zu tun.

Man will halt auch vor allem die Bürger*innen nicht mit zu hemdsärmeligen Klimaschutz-Bestimmungen verschrecken. Wohl deswegen hat das Kraftfahrt-Bundesamt die Firma Porsche bereits im August 2018 aufgefordert, die aktuelle TOP-Diesel-Dreckschleuder, den Porsche Cayenne S, unverzüglich zurückzurufen und umzurüsten. Und die verwendete Betrugssoftware zu entfernen. Gut so, das Ding stößt zwölfmal soviel Stickoxid aus wie zulässig. Aber weder das Bundesamt noch Porsche hat diese Rückrufaktion, wie sonst üblich, der Öffentlichkeit mitgeteilt. Porsche erklärt, man erteile diese Auskunft „auf Anfrage“. Wer da wohl anfragt, wenn er noch nie von diesen Messwerten und dem Rückruf irgendwas gehört hat? Tja, selber schuld, wenn man sich nicht ordentlich informiert. Das ist genau das, was die FDP unter Mündigkeit und Selbstverantwortung versteht.

Apropos verstehen: Ich verstehe die offenbar weit verbreitete Geilheit auf immer mehr Blech um die meist doch eher durchschnittliche eigene Figur immer noch nicht so ganz. Bis 2025, sagt VW, soll jedes zweite bei uns zugelassene Auto ein SUV sein. Meine Nachbarin Barscheck lächelt da nur süffisant und murmelt etwas von Männern und deren Kompensationsbedürfnissen. Oder es ist doch nur der alte olympische Gedanke: Länger, schneller, breiter. Oder so.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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