Brunners Welt (Foto: SR)

"Halloween"

Die politische Glosse der Woche

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 25.10.2019 15:20 Uhr

Nr. 751

Nicht dass Sie denken, ich feierte gerne Halloween. Nichts gegen Kürbisse, aber doch lieber in Form eines nahrhaften Süppchens oder auch gerne im Ofen gebacken mit gutem Olivenöl und reichlich Knoblauch. Zudem bin ich, was die letzten Oktobertage angeht, frühkindlich geprägt durch den Weltspartag am 30.10., gefolgt vom Reformationstag. Am ersteren gab's Luftballons und frische Spardosen, letzterer war schulfrei. Keine marodierenden Kinderbanden, die mit dem Schlachtruf "Süßes oder Saures" vor den Türen ihrer Nachbarn aufliefen.

Seit nun aber unsere Freunde auf den britischen Inseln von einem Kürbis regiert werden, ist der 31. Oktober 2019 zum Tag eines wahrhaft gruseligen Ereignisses geworden: Brexit-Day. Natürlich werden die Briten nicht nächste Woche die EU verlassen, wie wir alle wissen. Aber die EU hat sich soeben bereit erklärt, den 30. Oktober auf Ende Januar zu verschieben, so dass Boris Johnson nicht wortbrüchig werden muss. Schade eigentlich, hatte er doch vollmundig erklärt, lieber "tot in einem Graben" liegen zu wollen, als den Brexit-Termin nicht einzuhalten.

Stattdessen hat der Horror-Clown mit dem lustigen Haupthaar nun auf Wahlkampf-Modus geschaltet und bringt außer dem Slogan "Let's get the Brexit done" nicht mehr viel heraus. Was auch zu bedauern ist, weil wir der regierenden Stimmungskanone doch einige Comedy-Highlights zu verdanken haben. Etwa seine Beschimpfung des Labourchefs als "Bluse eines dicken Mädchens" - was auch immer das bedeuten möge – oder sich selbst und sein Land mit dem Hulk zu vergleichen. Jenem Comichelden also, der bei Erregung grün wird und anschwillt, bis ihm der Anzug in Fetzen vom muskulösen Leib fällt und  er anschließend seinen Zorn berserkerhaft an seiner Umwelt austobt.

Hulks Hirn wird bei jeder solchen Verwandlung etwas kleiner. Wir wissen nicht, wie viele Verwandlungen Boris Johnson schon hinter sich hat – es scheinen aber doch einige gewesen zu sein.

Zumindest darf bezweifelt werden, ob er auch nur den Hauch eines Durchblickes hat, wie ein Brexit noch zustande kommen könnte, mit Deal, ohne Deal, mit Parlament oder ohne, nach Neuwahlen oder ohne, welche Parteien ihm noch Mehrheiten verschaffen könnten und wer der seltsame Mann im Unterhaus eigentlich ist, der dauernd "Order" schreit.

Uns geht’s mehrheitlich wohl nicht anders. Als ich versucht habe, mich auf Wikipedia wenigstens grob über den Handlungsverlauf der bislang gesendeten Staffeln des Brexit-Dramas zu informieren, ploppte am Bildschirmrand eine Discounter-Werbung auf: Das Trennenlern-Spiel. Kann das noch Zufall sein? Auch wenn man dort nur per Maus die Einzelteile eines Joghurtbechers in bereitstehende Recycling-Tonnen verschieben muss. Tat aber gut – wenigstens mal in einem überschaubaren Rahmen Ordnung schaffen zu können.

Was mir bei den im Brexit-Artikel angeboten Informationen nur unvollkommen gelang: Johnson will Neuwahlen, Corbyn auch, aber nicht gleich, damit Johnson nicht doch noch, vielleicht verlangt er aber als Preis für seine Zustimmung ein zweites Referendum, dessen Ausgang aber ebenso ungewiss ist wie etwaige Wahlen, das Parlament hat zwar den Brexitgesetzen im Prinzip zugestimmt, will sie aber nicht im Einzelnen diskutieren, weil man sie erstmal in Ruhe lesen will, ohne Deal darf Boris sowieso nicht aus der EU, macht er aber vielleicht doch noch trotzdem. Hulk hilf – mein Hemd beginnt schon zu spannen und erste grüne Flecken sind auch schon da. Meine Nachbarin Barscheck empfiehlt kalte Wickel – und ein heißes Kürbissüppchen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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